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"Die Junge Aktion eine passende Therapie"

Ein Theaterstück in einem Akt. Volkstümliche Fassung des 19. Jahrhunderts in Überarbeitung von Nicola Weiß und Markus Fischer.

 
Uraufführung der Neufassung: Rohr am 16. April 2006 mit den Autoren in der Hauptrolle

 
Personen:

- Arzt: Dr. G. Weis (weißem Kittel und Stethoskop)

- Patient: Josef A. Benediktsberger (jugendlich wirkender junger Mann)

- Telefonstimme

 
1. Akt:

- Der Arzt (A) sitzt in seiner Praxis. Der Patient (P) betritt den Raum. Zur Begrüßung umarmt der Patient den Arzt. Dieser zeigt sich überrascht und irritiert. -

P: Der Friede sei mit Dir!

A: Ja wie? Gleich Umarmung? Wir kennen uns doch gar nicht! Wer sind Sie überhaupt?

P: Mein Name ist Josef A. Benediktsberger. Ach, das passiert mir ständig, dass ich Leute umarme, ich hab schon in zig Kirchen Gotteshausverbot.

A: Wieso Gotteshausverbot?

P: Weil ich beim Friedensgruß immer gleich alle Leute umarmen muss, statt ihnen nur die Hand zu geben.

A: Aha. So was habe ich ja noch nie gehört. Was fährt Sie zu mir, wie kann ich Ihnen helfen?

P: Ich werde seit längerem von Hyperaktivität und ständiger Müdigkeit geplagt.

A: Schlafen Sie ausreichend?

P: Ich muss häufiger mal nachts raus.

A: Wieso?

P: Das kommt vom abwechselnden Bier- und Teetrinken! Deswegen schlafe ich auch zu kurz, denn ich muss morgens früh aufstehen.

A: Moment! Jetzt mal der Reihe nach! Warum abwechselnd Bier und Tee?

P: Ich kann mich nicht entscheiden! Bei der abendlichen Lektüre der Europa- und Weltpolitik pendle ich ständig zwischen Kühlschrank und Wasserkocher hin und her. Nach einem Liter Tee und 4, 5 Bier!

A: Mhm. Und wann gehen Sie ins Bett?

P: Ich bin ja so interessiert am Weltgeschehen und Diskussionen, dass ich erst gegen 1, 2 ins Bett komme. Sonst bin ich den ganzen Tag engagiert und helfe, wo ich kann.

A: Wann müssen Sie denn aufstehen?

P: Ja so um 4.

A: Um 4! So früh? Sind Sie Bäcker?

P: Nein, ich gehe morgens immer um 5 in die Frühmesse, und danach stehe ich noch eine halbe Stunde auf der Treppe rum und singe.

A: (runzelt die Stirn): Sie haben aber arg geschwollene Knie, hatten Sie einen Unfall?

P: Wissen Sie, ich knie viel, und die Kirchenbänke sind nicht gerade gut gepolstert.

A: Wollen wir gleich mal ihren Bewegungsapparat näher betrachten. Würden Sie mal eben aufstehen? Sehen wir uns zunächst den Schultergürtel an, können Sie die Arme mal nach oben, zur Seite und nach unten strecken?

- Der Arzt beginnt mit der Untersuchung. Es läuft ein Ausschnitt aus der Sternpolka und der Patient bewegt sich dazu -

A: Sehr gut. Wie sieht´s mit der Hüfte aus?

- Zu Klängen des "Time Warp" bewegt sich der Patient entsprechend. -

A: Und die Beine? Können sie eine Kniebeuge machen?

- Der Patient macht eine Kniebeuge, wie sie in der Kirche üblich ist. -

A: Ok. Strecken sie mal die Zunge raus und machen sie AAA

- Der Patient folgt der Anweisung. -

P: JAA

A: Was haben sie denn an der Stirn?

- Der Patient macht ein Kreuzzeichen. -

A: Aha. Gut. Dann höre ich mal ihr Herz ab.

- Der Arzt hört mit dem Stethoskop das Herz ab und hört statt des Herzklopfens einen Ausschnitt der Sternpolka. -

A: Hmmmmm. Das ist alles sehr verdächtig! Haben Sie auch psychische Probleme?

- Arzt und Patient setzen sich wieder. -

P: Alles ist irgendwie ganz komisch. In letzter Zeit höre ich ständig Stimmen in komischen Sprachen.

A: Und was sagen die ihnen?

P: Ja, das verstehe ich ja nicht! "Pivo" zum Beispiel, "Rohliky, Palačinky, Halušky", ich hab keine Ahnung, was das heißen soll! Und ein Satz wiederholt sich ständig, den kann ich schon auswendig: "Ukončete výstup a nástup, dveře se zaví­rají!"

A: Ich verstehe. Interessant. Haben sie sonst noch etwas an sich bemerkt?

P: Ich hab einen Heißhunger auf Spinat, Kartoffeln und Rührei.

A: Essen sie regelmäßig frisches Obst?

P: Am liebsten Banana.

A: Aha. Und sonst? Rauchen sie?

P: Nur passiv. Vorzugsweise Weihrauch, hihi.

A: Trinken sie?

P: JA

A: Wie viel wiegen sie?

P: Massig zu viel.

A: Treiben sie regelmäßig Sport?

P: Am liebsten Einzelsynchronschwimmen und nächtliche Trekkingtouren.

A: Gut, Herr Benediktsberger, Sie haben also dicke Knie, hören Stimmen, wollen ständig Leute umarmen, essen am liebsten Spinat, Rührei und Kartoffeln, trinken Tee und Bier, und zeigen Symptome einer Sternpolka.

Herr Benediktsberger, sie haben Juvenilen Morbus Aktivus, kurz genannt JA.

P: Oh nein! das kann nicht sein, was mache ich denn jetzt, können Sie das genauer erklären?

A: Keine Panik, das hört sich schlimmer an, als es ist. JA ist hoch ansteckend, zum Teil erblich und nicht heilbar. Aber ich kenne da eine gute Selbsthilfegruppe. Wo hab ich denn die Unterlagen... Ach ja, hier steht sogar die Nummer einer Hotline in München.

- Anruf bei der Hotline. Zunächst ein Klingelton, dann eine Warteschleife mit einem Lied aus der 80er-Reihe im "Banana". Ein Sprecher liest aus dem Off die Bandansage vor. -

Bandansage: Herzlich willkommen bei der Jungen Aktion! Sie haben jetzt folgende Auswahlmöglichkeiten:

Wenn Sie allgemeine Informationen zur Jungen Aktion hören wollen, drücken Sie die 1.

Wenn Sie die Leitsätze der Jungen Aktion hören wollen, drücken Sie die 2.

Wenn Sie Mitglied der Jungen Aktion werden wollen, drücken Sie die 3.

- Der Arzt drückt die 1. -

Bandansage: Die Junge Aktion ist der Jugendverband der Ackermann-Gemeinde. Wir fördern die Entwicklung und Entfaltung Jugendlicher auf dem Weg zu einem verantwortungsbewussten Leben in Staat und Gesellschaft. Am Zusammenwachsen Europas beteiligen wir uns aktiv. Die Junge Aktion wurde 1950 von vertriebenen Jugendlichen aus Böhmen, Mähren und Schlesien gegründet. Daher liegt der Schwerpunkt unserer Arbeit in der Begegnung mit den mittel- und osteuropäischen Nachbarn. Wir sind Mitglied der Aktion West-Ost im Bund der Deutschen Katholischen Jugend.

Unterstützt wird die Arbeit von einer zentralen Serviceeinrichtung in München, ebenfalls Sitz der Bundesgeschäftsführung, deren Leitung Herrn Matthias Dörr obliegt. Ständige, kompetente Ansprechpartner sind die Mitglieder der Bundesführung. Geistliche Unterstützung erhalten wir von unserem Geistlichen Beirat, dem Bischofsvikar Dr. Robert Falkenauer. Auch unterhalten wir regen Kontakt zu einigen anderen Verbänden und Gruppen in Deutschland, der Tschechischen Republik und der Slowakei.

Sie sind im Hauptmenü:

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- Der Arzt drück die 2. -

Bandansage:

Wenn sie den Leitsatz 1 CHRISTLICHES LEBEN hören wollen drücken Sie die 1.

Wenn sie den Leitsatz 2 MENSCHENRECHTE hören wollen drücken Sie die 2.

Wenn sie den Leitsatz 3 BEGEGNUNG MIT DEN MITTEL- UND OSTEUROPÄISCHEN NACHBARN hören wollen drücken Sie die 3.

Wenn sie den Leitsatz 4 EUROPA DER MENSCHEN hören wollen drücken Sie die 4.

Mit der 5 kommen Sie zurück zum Hauptmenü.

- Der Arzt drückt wegen des großen Interesses des Patienten die Ziffern 1 bis 4, wobei jeweils der einzelne Leitsatz vorgelesen wird. Anschließend drückt er die 5. -

Bandansage:

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- Nun legt der Arzt das Telefon auf. -

 P: Aha. Das hört sich ja interessant an. Aber ist das nicht langweilig?

A: Aber nein!!! Diese Selbsthilfegruppe JA ist überhaupt nicht langweilig!

Die Thematik wird in vielfältigen Arbeitskreisen, Vorträgen und Workshops vermittelt und verinnerlicht. Weiter gibt´s noch kreative Arbeitskreise, z.B. Basteln, Tanzen, Musik -  abends gibt´s Barbetrieb, Teestube, Konzerte, Spiele, Filmabende. Gesungen wird auch, aber meistens nicht auf der Treppe. Eine Besonderheit sind Trekkingtouren bei Mondenschein mit geistlicher Begleitung, auf Wunsch gibt´s im Kurhotel in Rohr Diätbetreuung. Ein umfangreiches Sport- und Wellness-Angebot mit Meditationen runden das Angebot ab. Dazu gibt es eine sehr hohe Beziehungs- und Heiratsquote.

P: Das hört sich schon besser an. Was kommen da für Leute?

A: Hauptsächlich Leute mit Juvenilus Morbus Aktivus aus Deutschland, Tschechien, der Slowakei. Hauptverseuchungsgebiete sind Würzburg, Nürnberg, München, Freiburg, Hessen, die Ostalb, in Tschechien der Großraum Šumperk, Prag und Brünn, in der Slowakei die Zips.

P: Und wie oft trifft man sich?

A: Es gibt Hauptveranstaltungen an Ostern, im Sommer und in der Silvesterwoche. Dazu noch kleinere Veranstaltungen, ausgehend von den Hauptverseuchungsgebieten.

P: Und wer organisiert das?

A: Die Organisationsteams werden aus den eigenen Reihen gebildet.

P: Zahlt das die Krankenkasse?

A: Nein, aber die Mitgliedsbeiträge und Veranstaltungskosten sind meist billiger als eine Mallorcapauschalreise.

P: Ist eine JA-Epidemie zu erwarten?

A: Nein, weil sich die Jugendlichen immer weniger für die christliche Lehre und die Probleme der Menschen interessieren.

P: Wieso Jugendliche?

A: Wie alt sind Sie denn?

P: 29

A: Oh. Das tut mir schrecklich leid, da kann ich ihnen dann nicht mehr weiterhelfen, da ist die JA nichts mehr für Sie.

- Der Patient ist enttäuscht. -

P: WAAAAS?! Jetzt haben Sie mir so viele tolle Sachen erzählt, und jetzt soll das nicht mehr für mich passen?

A: Die JA ist für Jugendliche von 16 bis 26 Jahren gedacht, mit 29 haben Sie bereits Aktivus Seniorus Greisus, kurz AG, genannt. Das ist bereits das fortgeschrittene Stadium der JA-Infektion.

P: Gibt´s da auch eine Selbsthilfegruppe?

A: Ja, die AG. Sie werden auch jetzt nicht alleingelassen.

Huch, ich sehe gerade, dass Ihre Sprechzeit um ist. Außerdem muss ich noch zu einer Streikveranstaltung. Herr Benediktsberger, ich gebe Ihnen hier noch Infomaterial mit, bitte wenden Sie sich vertrauensvoll an Herrn Dörr. Auf Wiedersehen!

 - Patient und Arzt verlassen die Bühne. Stürmender Applaus. -

 Ende.

Uraufführung in Rohr 2006

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