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Rumänisches Blitzlicht (von Dominik Kretschmann)

aus: JA-Heft 4/2002

Ich war in Rumänien. Das erste Mal. Nur knapp sechs Tage doch immerhin. Hingefahren bin ich, ohne wirklich über das Land zu wissen: Sprache gehört zur romanischen Sprachfamilie, das wusste ich, es soll da viele Roma geben. Und dann waren da noch Bilder in meinem Kopf, von halb verhungerten Kleinkindern in rumänischen Kinderheimen, Bilder von Straßenkindern, die an Kleber schnüffeln, das unscharfe Fernsehbild des toten Ceausescu.
Mit diesem Vornichtwissen ging es per Zug nach Klausenburg, im Nordwesten des Landes. Auf einem Regionaltreffen sollten sich Lektoren der Bosch Stiftung aus Rumänien, Bulgarien, Georgien, Jugoslawien und Ungarn treffen. Klausenburg, Cluj-Napoca, Kolozsvár wird die Stadt von Deutschen, Rumänen, Ungarn genannt. Während die deutsche Minderheit inzwischen sehr klein ist, ist die ungarische groß. Bis 1920 gehörte Kolozsvár zu Ungarn und in Ungarn ist die Erinnerung daran noch sehr wach. Wir waren zu Gast in der Universität, eine der angesehensten (die angesehenste?) in Rumänien. Und uns begrüßte auf Deutsch nicht nur der Rektor der Uni sondern auch der Leiter der deutschen Abteilung der Uni. Man kann nämlich in Klausenburg mehrere Fächer durchgehend auf Deutsch studieren! Und (wenn mich die Erinnerung nicht täuscht) sogar 12 verschiedene auf Ungarisch. Eine dreisprachig funktionierende Universität mit einem Rektor, der das nach Kräften fördert. Folgerichtig ist die Uni Klausenburg die erste Universität Rumäniens, die von der seit kurzem bestehenden Möglichkeit Gebrauch macht, einen Ausländer als Lehrstuhlleiter zu beschäftigen. So lehrt in Rumänien ein deutscher Germanistikprofessor. Das alles zu erfahren war ein wohltuender Kontrast zu dem Flaggenwahnsinn, der den ersten Eindruck in Klausenburg bestimmt: Die Stadt wird nämlich seit Jahren von einem mit 51%iger Mehrheit gewählten Bürgermeister regiert, der ein rumänischer Nationalist ist. Und der hat Dauerfestbeflaggung durchgesetzt: Von jedem Laternenmast hängt eine rumänische Nationalflagge, manche Gebäude, wie das rumänische Nationaltheater, sind mit haushohen, meterbreiten Flaggen "geschmückt". Damit nicht genug: Getreu dem Willen des Bürgermeisters ist beinahe jede Parkbank (und es sind derer viele!) in den Nationalfarben blau-gelb-rot angestrichen. Und - kein Scherz- viele Begrenzungspoller und die Mehrzahl aller öffentlichen Mülleimer erstrahlen in blau-gelb-rot. Letztere in moderner Airbrush-Technik gestaltet! Mit den Bänken und den Mülleimern hat der gute Mann sich aber wohl etwas verkalkuliert: So erzählte uns der Stadtführer, dass die Angehörigen der ungarischen Minderheit sich mit Vorliebe mit ihren Hintern auf die rumänischflaggigen Bänke setzen und die Mülleimer brachten dem Stadtoberhaupt ein Verfahren wegen Missbrauchs der Nationalfarben ein!
Ein zweiter Ehrgeiz des Bürgermeisters sind Denkmäler, die mich an stalinistische Monumente mit perfekten Menschen erinnerten, die aber vor allem eines sein müssen: hoch. Genauer: Höher als das Denkmal des wohl berühmtesten ungarischen Königs Matthias Corvinus (neutrale, lateinische Schreibweise), das in Klausenburg seit langer, langer Zeit steht. Ergänzend ist das Denkmal von mehreren Flaggenmasten, Parkbänken und Nationalmülleimern regelrecht umzingelt, hinter dem Denkmal ist noch eine Girlande zwischen zwei Masten gespannt, mit vielen kleinen Wimpeln, ein blauer, ein gelber, ein roter, ein blauer. Das Ergebnis: ungarische Besucher haben keine Chance das Denkmal zu photographieren, ohne das mindestens eine rumänische Flagge auch auf dem Photo zu finden sein wird. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode: Am Geburtshaus des Corvinus teilt uns eine Tafel mit, hier sei der berühmteste ungarische König geboren, ein Rumäne, wie jeder wisse. 1994 ist in der ZEIT ein Artikel über das nationale Absurdistan in Klausenburg erschienen (ungarische Nationalisten gibt es hier natürlich auch), dieser endete mit einer geradezu existenziellen Verunsicherung des Journalisten, der sich plötzlich nicht sicher war, ob er nicht auch schon paranoid geworden war. Ich finde das nachvollziehbar. Als in einer Nebenstraße mein Blick auf eine lokale Einrichtung von RTL fiel (mit dem blaugelbroten Logo) fragte ich mich unwillkürlich, was die wohl mit dem Bürgermeister zu tun haben!
Einen Tag lang fuhren wir nach Bistritz, nordöstlich von Klausenburg. Eine wunderschöne Landschaft, sanft gewellt (wie auch schon auf der Hinfahrt, bevor wir in das Klausenburger Nebelloch eintauchten). Es ist schon verrückt welchen Unterschied die Überschreitung der ungarisch-rumänischen Grenze für das Aussehen der Dörfer macht: Kleinere Häuser, in schlechterem Zustand, jedes mit einem Schöpfbrunnen. Und wir überholten ein Pferdefuhrwerk nach dem anderen. Um Bistritz herum war der Zustand der Häuser teilweise wirklich schrecklich, Dächer, von denen man eher erwartete, dass sie beim nächsten Regen einstürzen als dass sie Schutz dagegen bieten könnten. Und dann wieder ein Kleinod von einer romanischen Kirche (die einzige, die den Tatarensturm überlebt hatte), wie ein weißes Schmuckstück in der grünen Landschaft. In Bistritz besuchten wir eine Galerie, die von einer Künstlervereinigung getragen wird. An die Galerie sind Ateliers angegliedert. Wie ein Künstlerparadies, mit schönen, hellen, renovierten Räumen. Gegen Abend ging es dann weiter zu einem staatlichen Weingut riesigen Ausmaßes, das jetzt mehr oder minder pleite ist. Wir fuhren kilometerlang an Terrassen vorbei, auf denen einmal Wein gewachsen war. Ein bisschen Wein wird aber auch noch angebaut (und ausgebaut), den probierten wir dann. Wobei die Weinprobe mit der Verkostung von Schnaps und noch etwas anderem Hochprozentigen begann, dessen Name mir jetzt aber nicht mehr einfallen will!

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