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Indien (von Claudia Preis)

aus: JA-Heft 1/2002

Mutig ist das Wort, das ich am häufigsten gehört habe, wenn jemand von meinem Aufenthalt in Kolkatta erfuhr. Aber mit Mut hatte mein ganzes Vorhaben nichts zu tun, denn ich gehöre sicherlich nicht zu den mutigen Menschen dieser Welt. Nachdem ich eine Menge von Impfungen über mich hab ergehen lassen (das ist sicherlich der mutigste Part gewesen), ein Flugticket und ein Visum erstanden hatte, flog ich nach Kolkatta.
Die Taxifahrer vor der Flughalle hatten mich sofort als Ausländer erkannt, nicht nur wegen meines riesigen Rucksackes und stürmten im Dutzend auf mich zu. Ich entschied mich dann schließlich für den, der meine Tasche schon mal in seinem Taxi verstaut hatte, was sich als Fehler erwies, da ich meine Fahrt achtfach bezahlte.
Zuerst erklärte mir der Taxifahrer seinen Glauben und zeigte dabei stolz auf eine Göttin, die auf dem Armaturenbrett zwischen Blinklichtern ihren Platz gefunden hatte. Ich versuchte den Tipp meines Cousins zu befolgen, den Verkehr in asiatischen Ländern zu genießen, was mir aber unter massiven Schweißausbrüchen nur mäßig gelang, denn außer der Regel des Linksverkehrs, die auch nicht immer beachtet wurde, schien keine andere Regel zu existieren. Zwischen dem ganzen Chaos von Taxen, Bussen und Straßenbahnen konnte ich "Man-Rikschas" entdecken, die von den übrigen Verkehrsteilnehmern gejagt wurden.
Am Ziel meiner Fahrt, dem Mutterhaus der "Missionaries of charity" angekommen, war ich ein Ausländer unter Ausländern. Außer mir waren noch ca. 70 andere Volontäre aus aller Welt dort, die die Möglichkeit hatten mit den Schwestern der Mutter Teresa in den verschieden Einrichtungen zu arbeiten: Kinderheim, Sterbehaus, Altenheim, Behindertenheim, Dispensary (ambulante Verbandstation),...
Ich entschied mich, meine Zeit am Morgen in der Dispensary am Bahnhof zu verbringen und am Nachmittag im Sterbehaus tätig zu sein. In der Dispensary war meine Hauptaufgabe, neben der Wundversorgung, Überzeugungsarbeit zu leisten, dass man z. B. mit einer Schürfwunde keine "Painkiller" braucht.
Die Arbeit im Sterbehaus in Form von Hilfestellung bei der Deckung der Grundbedürfnisse und medizinischen Tätigkeiten war oftmals sowohl innerlich aufwühlend als auch beruhigend und befriedigend.
Eine Sache hatte ich ziemlich schnell festgestellt, dass die Inder sehr kontaktfreudig gegenüber Ausländer sind. Drei Fragen sollten mich, wie sämtliche andere weibliche Ausländer, ständig begleiten: "What's your name? Where are you from? Are you married?"
Wer glaubt, dass unsere Altkleidersammlungen nicht in Dritt-Ländern ankommen, hat sich getäuscht. Oder wie sonst kommt ein Bewohner Kolkattas zu einem blauen Sweatshirt der Feuerwehr Rüsselsheim?
Der erste Gang zu Fuß durch die Straßen Kolkattas war erschlagend für mich, jemand der Armut nur aus dem Fernseher und der Zeitung kennt. Überall Not, Elend, Hunger, körperliche Leiden... Ganze Familien, die auf der Strasse lebten mit einer Decke, einem Kochtopf und zwei Plastiktüten, in denen fein säuberlich ihr übriges Hab und Gut gelagert wurde, waren kein seltener Anblick.
Armut konnte ich gerade am Anfang mit allen fünf Sinnen wahrnehmen.
Sehen, diese Armut war nicht übersehbar.
Der Ruf der Kinder nach "Muri", Reis, Biscuits... war nicht überhörbar.
Das Ziehen der alten Frau an meinem Ärmel war deutlich spürbar.
Der Geruch nach Fäkalien und Dreck lag ständig in der Luft.
Armut war auch schmeckbar, denn das Brot schmeckte mir nicht mehr, wenn es von zwei braunen, hungrigen Kulleraugen betrachtet wurde.
Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass in Kolkatta keine westliche Armut zu finden ist. Die Menschen dort fühlen sich nicht allein, ungeliebt, ungebraucht oder sind unzufrieden.
Die Stadt wird nicht unverdient "City of joy" genannt, denn sie ist voll von Freude, Zufriedenheit und Freundlichkeit. Freundlichkeit auch gegenüber Weißen, obwohl weiß immer in Verbindung mit Reichtum steht.

Ich als Ausländer konnte eine Menge von diesen "armen" Menschen lernen! -DANKE-

P.S.: Kolkatta ist der offizielle Name von Kalkutta

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