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Rohr 2004

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Rohr 2004: "... denn ihr seid selbst Fremde"
Auseinandersetzung mit einem Jahrhundert der Vertriebenen und Flüchtlinge
(Heft 2/2004)

Ambitioniert las sich das Programm der diesjährigen Rohr-Tagung. Jutta, Ute, Gunter und Mark hatten zusammen mit Margareta auf eine Spurensuche eingeladen, die passend zur Karwoche eindrucksvolle dunkle Seiten in der Geschichte des vergangenen Jahrhunderte aufdeckte und zugleich, wie in der Auferstehungsfeier, einen Bogen in das Heute schlug.

Oral history ist noch immer die anschaulichste, und so war der Gedanke, Alfred Salomon einzuladen, konsequent gedacht. Denn wer wie er nicht nur 90 Jahre Zeitgeschichte miterlebte und in konkrete Geschichten fassen kann, ist Brücke für ein Verstehen des 20. Jahrhunderts der jungen Generation. Seine Berichte von dem Zeitpunkt, der ihn endgültig als Deutscher aus der noch tschechoslowakischen Armee katapultierte, das Kriegsende, vom Aufbau der Ackermann-Gemeinde in Würzburg und noch vieles mehr, das waren schon unter die Haut gehende Zeugnisse nicht zuletzt getragen von der tief gelebten Religiosität. Zeitzeugen zu erleben, Zeitzeugen zu befragen und zu hinterfragen ist ein entscheidender Weg, Vergangenheit als Herausforderung für die Zukunft zu begreifen: Alfred Salomon hat uns dabei geholfen.

Dass es dazu auch einen wissenschaftlichen Unterbau gibt, bewiesen uns während dieser Tagung ganz unterschiedliche Referenten: von Raimund Paleczek bis hin zu Andi Basu. Und so waren die historischen Entwicklungen mit den schillernden bis umstrittenen Namen Palacký und Benes genauso Thema, wie der Blick in die unmittelbare Geschichte unserer jugoslawischen Nachbarn und die Frage nach psychologischen Kriterien zur Bewältigung biografischer Grenzerfahrungen.

Und selbst Guido Knopps Film "Die große Flucht" stellte die Grundlage für einen kritischen Umgang mit Geschichte dar: Die anschließende Diskussion hob nämlich Momente hervor, die den Filmemachern nicht unbedingt gefallen haben dürften. Kritisiert wurde unter anderem der filmisch emotionale Zugriff, der dem Zuschauer eine klare Tendenz der exkulpierenden Geschichtsschreibung en passant unterjubelte. Solche Herangehensweisen seien zwar für ein breites Publikum Infotainment mit großem Zuspruch, aber vielleicht doch etwas vage, wenn davon ein offizielles Geschichtsbild entstehen soll. Aber solche Diskussionen schärfen zumindest Geist und Kritikfähigkeit, verstanden als die menschliche Möglichkeit der Unterscheidung und Differenzierung.

Für Leute in der Jungen Aktion ist da die Beschäftigung mit den seelsorgerischen Gedanken der Ackermann-Gemeinde wesentlich Gewinn versprechender. Und Pater Paulus Sladek, der geistige Vater der AG, hat seine eigenen Wege der konkreten Verarbeitung von Fremdheit im 20. Jahrhundert geboten.

Planspiele, wie in den vergangenen Jahren in der Jungen Aktion etwas aus der Mode gekommen waren, hingegen bieten das nötige Ventil, aus der rein geistigen Auseinandersetzung selbst Lösungsvorschläge zu entwickeln. Am Freitag gab es dazu Gelegenheit. Und wer würde jemals die Situation vergessen, in der ein junger Teilnehmer einen alten Hasen in dessen geschmeidiger Floskelhaftigkeit entlarvte, als dieser zu einer großen Verteidigung von Geschichtsverdrängung ansetzen wollte, nur weil die Mehrheitsverhältnisse der Mitspielenden sich populistischen Neigungen hinzugeben drohte. Eine Reise in die Untiefen der eigenen Ängste kann nämlich so ein Planspiel auch darstellen.

 

Die große inhaltliche Strategie des Teams ging auf. Denn es war klugerweise auch Raum für Kreativität, die sich in einem musikalischen Abend der Sonderklasse widerspiegelte. Da musizierten Tschechen und Slowaken die Deutschen so dermaßen an die Wand, dass nur noch die Selbstironie eines Fraters auf der Blockflöte half. Diese Idee des Teams wurde von allen goutiert, denn die Herzen schlugen höher bei soviel Geflöte, Gefiedel, Geklimpere und Singsang, weil niemand geahnt hatte, welch Vielzahl von Talenten in den Teilnehmern steckte. Selbst die Triangel wurde zum Ereignis.

Bei soviel Inhalt und Muse und Liturgie kam der Ostertanz in Form eines deutsch-tschechischen Begegnungsfestes gerade recht, denn nun konnten alle zeigen, dass zum Geist auch das körperliche Auslassen zur Ganzheitlichkeit einer Tagung gehörten. Wer noch immer nicht genug hatte, der konnte am letzten Vormittag noch die Konsequenzen aus der Arbeit für den Jugendverband selbst diskutieren. Dazu hatten sich die Bundessprecher geäußert, die in Zeiten immer knapper werdender Kassen deutlich aufzeigten, dass sie sich nicht unterkriegen lassen wollten. Die Perspektiven sind klar: Begegnungsarbeit als Teil der Kirche. Denn was wäre die Junge Aktion ohne ihre Verwurzelung in der katholischen Jugendbewegung? Lobbyarbeit werden sie daher im besonderen Maße wahrnehmen. Doch dazu brauchen sie natürlich die Unterstützung des gesamten Verbandes; denn Politik, sei sie in der Kirche oder im Staat oder im bilateralen Verhältnis, ist nur so stark, wie das Bewusstsein der Mitglieder für ihre Verantwortung. Foren, die Stellung der Jungen Aktion zu untermauern, gibt es genug, denn unsere Gesellschaft braucht einen Verband, der im deutsch-tschechischen Verhältnis Richtung weist.

Und so bleibt am Ende nur zu sagen: Danke an alle die, dieses Kunststück an Tagung vollbracht haben! Danke an die Macher des Programms, Danke an die Geldgeber vom Bundesministerium des Inneren, Dank an all die Zauberer, die schon jetzt in der Erinnerung diese Tagung verklären werden als das, was sie war: Ein Feuerwerk der Einfälle!

Da kann so ein Artikel nur noch in Einfältigkeit vor Scham verblassen.

Carlos, der sich mal wieder verstecken will

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