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10 Jahre Begegnung "Chudenice"

Kontinuität statt ehrgeizigem Strohfeuer - Die Junge Aktion der Ackermann-Gemeinde feiert mit ihren tschechischen und slowakischen Partnerverbänden 10 Jahre Begegnung "Chudenice" (Heft 3/2004)

 Es war ein großer, noch spontan wirkender Auftakt: 1994 trafen sich unter dem Titel "Songs über Grenzen" deutsche und tschechische Jugendliche in Pilsen - Musik war das Bindeglied. Deutsche, tschechische und viele englische Lieder erklangen zunächst in dem gerade in Renovierungsarbeiten steckenden bischöflichen Gymnasium in Pilsen und zum Abschluss bei einem öffentlichen, hauptsächlich improvisierten Konzert im Zentrum der Stadt, dass es damals sogar bis ins tschechische Fernsehen brachte. Die deutsche Gruppe der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde hatte zwar schon vor und nach der Wende 1989 über die Jahrzehnte des Eisernen Vorhangs regelmäßig Kontakte und Fahrten in die CSSR durchgeführt, erkannte aber nun die Notwendigkeit den Dialog fester zu institutionalisieren, um eine intensivere Form der Begegnung als neue Herausforderung der Gegenwart anzunehmen. Man war auf der Suche nach festen Partnern, und mit Hilfe des damaligen Generalsekretärs der Ackermann-Gemeinde Franz Olbert entstand eine Zusammenarbeit mit Pilsen, denn die Direktorin des Bischöflichen Gymnasiums, Jana Hrbotická, brannte darauf ihre Schule für den Austausch zu öffnen.

Das Wochenende dort war die Initialzündung für das, was heute innerhalb der deutsch-tschechischen Begegnungsarbeit als Idee Chudenice lebt. Denn ein Jahr später trafen sich die Jugendlichen der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde mit ihren damaligen Partnern von Pax Christi Prag in dem kleinen Jagdschloss Chudenice/ (um auch die ganz genauen Deutschen nicht zu enttäuschen:) Chudenitz und begannen eine Tradition aufzubauen, die in ihrer Kontinuität wohl einmalig ist. Und der Genius loci der sommerlichen Idylle tat seine Wirkung. Eine bereits 10 Jahre lange Tradition von deutsch-tschechischen Sommerwochen für Jugendliche entstand, in denen die Planung, Organisation und Leitung gleichberechtigt von einem deutschen und tschechischen Verband getragen werden - und eben mehr ist als deutscher Export mit tschechischen Gästen. "Chudenice" steht seitdem für den Austausch junger Menschen über die Grenzen von Ost- und Westeuropa hinweg, steht für gesellschaftspolitische, kulturelle und religiöse Fragen und für viel Freude und Spaß am gemeinsamen Begegnen und Feiern. Immer wieder standen jugendkulturelle Themen im Zentrum, Fragen nach einer gemeinsamen europäischen Gegenwart und Zukunft, nach der gemeinsamen über die Jahrhunderte und insbesondere der durch nationalistische Auswüchse überschatteten Geschichte, aber auch Bereiche des bürgerlichen Engagements und der unterschiedlichen religiösen Prägung.

Chudenice sind Tagungen, die zwar nach den ersten paar Jahren nicht immer in Chudenice, sondern auch in Pottenstein und im Kloster Rohr stattfanden, die aber immer noch den Namen des Ortes als Programm im Titel führen. Wurden in den ersten Jahren vor allem die Gemeinsamkeiten herausgearbeitet, entwickelten sich später spannende Auseinandersetzungen mit den spürbaren kulturellen Unterschieden, die das bunte Bild unseres Zusammenlebens prägen. Gerade auch Minderheitenfragen, wie die Roma-Frage in Tschechien, bilden Schwerpunkte der Themen.

Spannend war dabei auch die Erkenntnis, dass eine deutsche verbandliche Tradition nicht immer den tschechischen Realitäten entsprach, wo derartige für die Organisation praktikable Strukturen erst im Laufe der Zeit entstanden - und noch immer sehr starken Wandlungsprozessen unterworfen sind. Die Partner der Jungen Aktion wechselten zwar auch - so war in den kommenden Jahren unter anderem die Jugend für interkulturelle Verständigung (MIP) aus Brünn dabei, ein Verein, der sich aus der Zusammenarbeit mit der Jungen Aktion gründete und derzeit eine Vorreiterrolle innerhalb des tschechischen Geschichtsdiskurses und der Minderheitenarbeit einnimmt - doch der Geist blieb. Seit der Teilung der Tschechoslowakei war der slowakische Teil ein klein wenig in den Hintergrund geraten, auch das hat sich in den letzten Jahren gelegt, denn eine Gruppe aus der Zips ist fester Bestandteil der heutigen Begegnungen. Seit Jahren schon ist Rytmika Šumperk (Mährisch Schönberg) der gemeinsame Streiter mit der Jungen Aktion, doch besuchen noch immer unterschiedlichste Jugendliche die Veranstaltungen, kehren Teilnehmer aller Partner auf die Tagungen zurück. Sie sind davon überzeugt, dass hier Kernarbeit interkulturellen Zusammenlebens, praktische Volksdiplomatie und präventive Toleranzpolitik gegen gesellschaftliche Radikalismen geleistet und erlebbar gemacht wird. Gerade dieser Aspekt sollte nie in Vergessenheit geraten: Menschen mit einer solch inhaltszentrierten, mit spielerisch erprobter und sozial erfahrbarer interkultureller Kompetenz gehören zu dem Wertvollsten, was Jugendarbeit von heute für die Gesellschaft von morgen leisten kann. Jugendliche, die "Chudenice" erlebt haben, sind in viel größerem Maße resistent gegen drohenden Populismus, gegen Radikalismus und wissen um die Bedeutung der Demokratie für den Frieden zwischen Völkern.

Dies alles war nun wirklich Grund genug, in diesem Sommer 10 Jahre Chudenice, diesmal im Schloss Nectiny/Netschetin in der Nähe von Karlsbad, zu feiern. Und so war es selbstverständlich, dass die Organisatoren der ersten Begegnungen den jungen und neuen Teilnehmern eindrücklich von ihren Erfahrungen berichteten. Sie sahen, dass ihre Idee noch immer pulsiert, dass ehemalige Teilnehmer in verantwortlichen Positionen nun mitarbeiten und auch: dass heute vielmehr nicht nur die Tschechen deutsch sprechen, sondern die Gruppe der tschechisch lernenden Deutschen stetig zunimmt. Selbst der Visitator der Sudetendeutschen, Pater Norbert Schlegel, der zusammen mit Kollegen und dem Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für die Vertriebenenseelsorge, Weihbischof Gerhard Pieschl, Tschechien durchquerte, fand zufällig die jungen Leute in Nectiny. Sie alle überzeugten sich von der guten Stimmung und Aufgeschlossenheit der Begegnung.

Renovabis hat die gewinnbringende Zusammenarbeit über Grenzen hinweg programmatisch mit dem Schlagwort "Austausch der Gaben" bezeichnet, und dieser ist in "Chudenice" lebendig, selbst in so persönlichen Bereichen wie dem Glauben. Auch hier ist der Erfahrungsschatz der 10jährigen Tradition enorm. Denn die Erfahrungen der Kirche im Kommunismus, ihre Probleme heute, ihr Anspruch, notwendige gesellschaftliche Brücke zu Nichtgläubigen zu sein, die stete Toleranz und Akzeptanz der unterschiedlichen weltanschaulichen Konzepte und Ideen gilt es in ein konkretes Zusammen zu lenken - und hier reflektieren die Jugendlichen von Chudenice jedes Jahr, hier gehen ihnen die Themen nicht aus. "Chudenice" ist eine Langzeitaufgabe, ein kleines und heraus stechendes Beispiel von solchen heute raren Projekten, die kein Strohfeuer sind und kein Prestigeobjekt zur Befriedung von Ansprüchen irgendwelcher Geldgeber, sondern ein Projekt, das wie von selbst ganzheitlich lebt, langfristig denkt und jährlich zwischen 80 und 100 junge Menschen in Europa für Europa begeistert. Hier werden Schwierigkeiten und Probleme als Herausforderung angenommen, hier wird der Geist Gottes erfahrbar gemacht. Chudenice ist kein kurzweiliges, teures oder medienträchtiges Strohfeuer, vielmehr beharrliche Kontinuität in der Begegnung von Menschen über innere und äußere Grenzen hinweg.

Wie in vielen Jahren zuvor, ganz selbstverständlich, unangemeldet, aber mit aller Wertschätzung, besuchte uns am letzten Tag der diesjährigen Begegnungswoche Bischof Radkovský - auch das hat irgendwie Kontinuität.

Wie viele Menschen das in 10 Jahren erfahren durften, kann jeder selbst ausrechnen.

Rainer Karlitschek

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