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Matthias Dörr über Politik

Rede der Bundessprecher anlässlich des Festaktes zur 50-Jahrfeier der JA
am 30. September 2000 in Furth im Wald
erster Teil:

Matthias Dörr (Themengebiet: Politik)

Wie sieht die politische Seite der Jungen Aktion im Jahr 2000 aus? Auf welche Weise setzen wir heute unser Erbe in politisches Handeln um?
Wir haben ein Bild von der Zukunft unseres Kontinents. Wir sehen Europa auf dem Weg zu einer neuen Ordnung. Europa hat die Chance, den aus dem 19. Jahrhundert stammenden nationalstaatlichen Egoismus, zu überwinden, welcher seinen traurigen Höhepunkt in den menschenverachtenden Exzessen des Zweiten Weltkrieges hatte. Das Bild Europas heute zeigt sich - Gott sei Dank - in anderer Gestalt. Es besteht eine starke wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Staaten, die uns Wohlstand gebracht hat und für die Zukunft sichert. Die nationale Politik denkt weit über ihre Landesgrenzen hinaus und Vernetzung in immer mehr gesellschaftlichen Bereichen ist festzustellen. Das ist schön und notwendig, aber Europa für uns ist ein Europa der menschlichen Beziehung. Menschliche Beziehung beinhaltet beispielsweise ein Studium im Nachbarland, Freundschaften quer über den Kontinent. Aber es heißt auch eine erfolgreiche Beziehung zwischen einem deutschen Jungen und einem tschechischen Mädchen, was vor 15 Jahren eigentlich unpraktikabel war. So soll eine neue gesamteuropäische Völkergemeinschaft aussehen.
Dieses Ziel haben wir vor Augen, wenn wir im hochspezialisierten Bereich der deutsch-tschechischen Verständigung arbeiten. Unsere Situation als Jugendliche bringt es dabei mit sich, dass unser Hauptaugenmerk auf der Zukunft liegt. Wir wollen als Junge Aktion an unserer Welt von morgen mitbauen. Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass man die Vergangenheit ganz aus den Blick verliert. Und bei uns in der Jungen Aktion ist dies sicher nicht der Fall. Denn wir wissen um die historische Dimension unserer Arbeit und um die Relevanz der Vergangenheitsbewältigung für die Zukunft. Aber an dem Aspekt der europäischen Zukunft richten wir unser Handeln aus und daran wollen wir auch alle emotional belasteten Begriffe überprüfen. Dies bedeutet in Diskussionen auf Begriffe zu verzichten, die nur Barrieren errichten und Rollläden runterschnellen lassen. Und gerade im deutsch-tschechischen Spektrum ist eine besondere sprachliche Sensibilität notwendig, wenn man einen Dialog wünscht, der mehr ist als nur ein Mitteilen der eigenen Meinung und mehr als ein Beharren auf der eigenen Wahrheit. Diese Sensibilität haben wir von Politikern oft vermisst. Konkret: Es steht auf der Tagesordnung etwa den Begriff "Recht auf Heimat" - und viele andere politische Kampfbegriffe - auf die Zukunftstauglichkeit zu überprüfen und gegebenenfalls zu ersetzen.
Die von uns auf vielfältige Weise geleistete Begegnungsarbeit zwischen jungen Leuten aus Ost und West ist die Basis für ein zukünftiges staatliche Miteinander in Europa. Wir wollen die Politik nutzen, um diesem großen Ziel etwas näher zu kommen. Dabei gewährt uns die Überparteilichkeit unseres Verbandes eine Handlungsfreiheit, die wir nicht missen wollen.
Auf den Jahreskonferenzen des Koordinierungsrates des deutsch-tschechischen Dialogforums, an denen wir in den letzen Jahren teilnehmen durften, haben wir erfahren, dass wir gehört werden und unsere Arbeit honoriert wird. Das bestärkt uns in unserem Handeln.
Die Politik ist aber auch in die Pflicht genommen. So fordern wir von ihr die bestmöglichen Rahmenbedingungen, um die notwendigen Schritte einzuleiten für unser Ziel einer gesamteuropäischen Zukunft. Konkret zählt dazu: Die Tschechische Republik muss baldmöglichst Mitglied in der Europäischen Union werden, ohne wenn und aber. Dies gilt zugleich für andere Staaten Mittel- und Osteuropas: Polen, die Slowakei, Ungarn, Slowenien und die baltischen Staaten. Zudem sollten die Türen für andere beitrittswillige Staaten Europas offen bleiben.
Unsere Arbeit sehen wir als notwendige Ergänzung zu diesem formal-rechtlichen Prozess der Erweiterung. Denn die Erweiterung der Europäischen Union darf nicht nur ein Prozess sein, der von Politikern, Juristen und Ökonomen vollzogen wird. Er muss getragen werden von einer positiven Grundstimmung sowohl in den heutigen Mitgliedsstaaten als auch in den Beitrittsländern.
Ein Blick auf das aktuelle politische Verhältnis zwischen Deutschland und Tschechien kann sogar zu dieser feierlichen Stunde etwas Ernüchterung bringen. Da gibt es unzähliges positives an Initiativen und die Aufgeregtheit hat seit der Deklaration sicher nachgelassen. Es sind deutsch-tschechische Institutionen geschaffen worden, wie der Zukunftsfonds, das Dialogforum und die Koordinierungszentren für Jugendaustausch "Tandem", deren positiven Auswirkungen schon deutlich erkennbar sind. Da gibt es aber auch noch die kontroversen Themen des vergangen Jahrzehnts, die noch immer die Gespräche bestimmen und noch immer auf beiden Seiten Emotionen hervorrufen. Noch immer herrscht Angst davor, einen Schritt weiterzugehen als es das Gegenüber macht. Und dazu droht nach dem großen Interesse vergangener Jahre, das im Zusammenhang mit der Diskussion um die deutsch-tschechische Erklärung bestand, unser Thema total in die politische Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Deshalb bedarf es neuer Impulse und neuer Ideen, um Bewegung und Fortschritt zu erreichen. Hier bedarf es der Bereitschaft den anderen verstehen zu wollen und Vorstellungen aufzugeben, die nicht in das heutige Europa passen. Die Junge Aktion kann hier einen Beitrag leisten und wird dies nach Kräften auch tun.
Die Junge Aktion hat als Jugendverband in den letzten 50 Jahren das Ziel verfolgt, die Jugend an Politik heranzuführen. Sie für politische, soziale, gesellschaftliche und interkulturelle Themen zu interessieren, zu sensibilisieren und diese zu hinterfragen. Dabei waren ihre Themen immer aktuell und am Puls der Zeit. Heute stellt sich unsere Idee von interkulturellen Verständigung nicht nur grenzüberschreitend dar, sondern ist auch verstärkt im eigenen Land zu praktizieren. Eine bevorstehende Aufgabe der Jungen Aktion läge hier im Bereich der so genannten AAA-Jugend. Darunter versteht man Ausländer, Aussiedler und Asylsuchende, die in Deutschland leben und hier eine neue Heimat suchen und zum Teil gefunden haben. Die Mitarbeit an der Integration dieser Mitmenschen wäre praktizierte Verständigung vor Ort. Und gerade nach den Erfahrungen der letzten Monate, in denen rechtsradikale Strömungen in der Bundesrepublik verstärkt zu Tage getreten sind, muss die Junge Aktion in ihren Aktivitäten dem Rechtsextremismus und der Xenophobie, der Angst vor dem Fremden, eine klare und praktizierte Absage erteilen.

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