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Sandra Steinert über Sozialisation

Rede der Bundessprecher anlässlich des Festaktes zur 50-Jahrfeier der JA
am 30. September 2000 in Furth im Wald
dritter Teil:

Sandra Steinert (Themengebiet: Sozialisation)

Und was hab ich persönlich davon?
"Unsere Arbeit ist wertvoller und direkter Bestandteil gesellschaftlicher Sozialisation von Jugendlichen." - Das hört sich gut an, doch was bedeutet das konkret? Dies meint, dass wir auf den Veranstaltungen der Jungen Aktion Gesellschaft erproben, und zwar im kleinen Rahmen: wie gehe ich mit dem Anderen um, wie arbeite ich mit Leuten zusammen an einer Sache, wie verfolge ich Ziele, arbeite an der Verwirklichung einer Idee mit Menschen, die ich kaum kenne, die mir anfangs fremd sind, dadurch aber zu Freunden werden? Sei es nun ein Arbeitseinsatz auf einem Zeltlager, wo Hand in Hand im Dreck etwas geleistet wird (ich denke hier vor allem an Zeltlager-Szenen in Maria Stock, Skoky: Jede sprachliche Barriere haben wir überwunden, als wir gemeinsam knietief in staubigem Heu standen und die Scheune in einen sauberen "Ballsaal" für unseren Abschlussabend verwandeln wollten) oder sei es bei Spielen auf Tagungen, wo man sich gemeinsam kreativ austoben darf. In Arbeitskreisen - auf hohem Niveau - werden wir jugendgemäß informiert und ermuntert, uns eigene Gedanken zu machen und diese auch sprachlich auszudrücken. Hier wird in lockerer Atmosphäre eine Diskussions- und Streitkultur eingeübt, die in Schule oder Beruf heute nicht mehr selbstverständlich, aber eigentlich doch so wichtig ist! Auch Planspiele will ich hier nennen, in denen man in die Rolle einer anderen Person schlüpft und Probleme lösen soll; so kann ich mich erinnern an heftige Dispute zwischen Außerirdischen und Erdenbewohner, die gemeinsam eine Klimakatastrophe bewältigt haben und über die Verteilung der knappen Wasserressourcen diskutiert haben oder an eine spektakuläre Entführung des gerade ernannten Papstes, der bei so manchen schon in Ungnade gefallen war. In diesen Planspielen also werden komplett andere Sichtweisen plötzlich nachvollziehbar, verständlich gemacht und vorher fremde Denkweisen und Probleme werden mit Verständnis und Toleranz anerkannt.
Doch das Fordern und Trainieren der Teilnehmer beschränkt sich nicht nur auf die schon genannten Bereiche. Über dies hinaus ist früher oder später jeder aufgefordert, sich auch in der Vorbereitung einzelner Programmpunkte oder als Tagungsleitung einzubringen und so Verantwortung zu übernehmen. Dies ist ganz klar ein wertvoller Beitrag zur Erziehung eines verantwortungsvollen und mündigen Bürgers unserer individualistischen Gesellschaft.
Doch was macht die JA so ganz besonders in dem Meer der heutigen Jugendverbandsarbeit?
"Die Junge Aktion ist ein Ort, an dem Jugendliche unterschiedlichster Art und Herkunft interkulturelle Umgangsformen austesten und einüben. Sie leistet einen Brückenschlag zwischen Menschen und Kulturen." Also, was jetzt? Na, ganz einfach: durch das Zusammentreffen von Tschechen und Deutschen, durch das Angebot von Diskussionsstoff und durch Aufgaben, die gemeinsam zu bewältigen sind, genau dadurch kommen wir uns näher, und das in einer lockeren Atmosphäre. Da kann die verbindende Aufgabe durchaus auch etwas sein, wie den eigens für Chudenice komponierten Song mit einem Tänzchen zu untermalen, bei dem der trockene Charme eines Tschechen hervorragend mit der lieblichen Eleganz zweier - heute auch hier anwesender - deutscher Mädels harmoniert. Durch solche Momente werden jeweils die Kultur und der Hintergrund des Anderen nähergebracht, man versteht, - lernt, damit umzugehen! Und dabei kennen wir als deutsche und tschechische Jugendliche keine historischen Tabuthemen! Die anfängliche "Fremdheit" wird nun schlicht zur "Andersartigkeit", die immer verständlicher und auch selbstverständlicher wird. Dieses Erfahren des Anderen macht uns tolerant, - vielleicht sogar neugierig! - anderen Nationalitäten und unbekannten Kulturen gegenüber. Darüber hinaus wird jeder dazu angeregt, über sich, sein eigenes Land und die eigene Kultur nachzudenken und zu hinterfragen, und wenn es nur die Feststellung ist, dass zwei Länder wie Deutschland und die Tschechische Republik zwei unterschiedliche Geschichtsbilder von ein und dem selben Abschnitt der gemeinsamen Geschichte haben. Der Anspruch, dass unsere Wahrheit die einzige Wahrheit ist, ist relativiert.
Dies alles geschieht auf den Veranstaltungen der Jungen Aktion, und zwar jenseits des alltäglichen Erfolgs- und Profilierungsdrucks in Schule, Universität und Beruf. Nein, es geschieht in einer entspannten, spielerischen Atmosphäre. Und trotzdem ist dem Ganzen eine ernsthafte Bedeutung beizumessen, fernab von der sonst häufig üblichen, rein an Spaß und Konsum orientierten Freizeitgestaltung!
All diese Erfahrungen und Eindrücke sind so wichtig, sie dürfen einfach nicht unterschätzt werden! Deshalb wäre es gesellschaftlich gefährlich, wenn wegen knapp werdender Haushaltsmittel in der Politik solche Jugendarbeit nicht mehr ausreichend unterstützt wird. Die Kürzungen der letzten Jahre haben uns und die Ackermann-Gemeinde schmerzlich getroffen und so manche Planung schwieriger als nötig - oder gar unmöglich - gemacht. Hier darf die Politik nicht aus der Verantwortung gelassen werden! Sie muss unseren wertvollen Beitrag zur Gesellschaft würdigen und aktiv unterstützen!

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