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Michael Danzer über Religiosität

Rede der Bundessprecher anlässlich des Festaktes zur 50-Jahrfeier der JA
am 30. September 2000 in Furth im Wald
vierter Teil:

Michael Danzer (Themengebiet: Religiosität der JA)

Wenn wir hier in einem so feierlichen Rahmen zusammen sind, stellt sich mir die Frage, was bewegt uns dazu soviel Aufwand für einen Geburtstag zu betreiben? Wo liegt die tiefere Motivation dazu? Bei solchen Anlässen oder einem Jubiläum wie diesem treten wohl ganz verschiedene Gefühlsmomente auf. Da ist zum einen ein stolzer Rückblick auf die geleistete Arbeit, das andere ist das nostalgische Schwelgen in Erinnerungen. Bei uns kommt noch ein weieres Moment hinzu, ein religiöses Moment und das ist ehrlich empfundene Dankbarkeit. Wir JA´ler dürfen dankbar sein für eine Menge tiefgreifende Lebenserfahrung, für persönliche Prägung, für Gemeinschaft und Freundschaften in der Jugend - und darüber hinaus. Dankbar auch als gesamter Verband dafür, dass die JA 50 Jahre lang ein Stück lebendige Kirche war.

Als die JA gegründet wurde, war die grundlegende Motivation dazu eine tiefe christliche Überzeugung. Die Gründerväter und -mütter erkannten den Auftrag den vertriebenen Jugendlichen geistigen, geistlichen und mentalen Halt zu geben, oder wie Hans Schütz formulierte: "sittlichen Halt".
Die Junge Aktion wollte in einem friedlichen christlichen Miteinander den vertriebenen Jugendlichen Zukunftsorientierung und konstruktive Perspektiven bieten. Sie wollte sie für ein verantwortliches gesellschaftliches Leben gewinnen.
Die Religiosität war in der JA immer ein verbindendes Element. Das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten, das Wallfahren, der Besuch einer Priesterweihe in der sozialistischen Tschechoslowakei - wenn er denn mal erlaubt war- und die vielfältige Unterstützung der Kirche in der damaligen CSSR waren immer zentrales Element und oft Höhepunkt der JA-Arbeit.
Als katholischer Jugendverband war die Junge Aktion schon immer etwas Besonderes. Ich würde sie sogar fast als kleine katholische Avantgarde bezeichnen. So war die JA z.B. der erste Verband im BDKJ (Bund der deutschen katholischen Jugend), der koedukative Tagungen veranstaltete. - Man stelle sich das mal vor: Männlein und Weiblein in einem Haus untergebracht... ein Skandal in der katholischen Kirche der 50er Jahre.
Was die JA auch schon immer ausgezeichnet hat, war die Experimentierfreudigkeit bei den Formen und Ausdrucksmitteln der Religiosität. Wozu nicht selten Konflikte oder eine "fruchtbare Auseinandersetzung" zwischen den Generationen gehörte. Im Rückblick betrachtet war die Religiosität in der Jungen Aktion Verwurzelung, Halt, Highlight, Motivation, freudig-feierliches, verbindendes Moment und immer auch Diskussionsstoff.

Wenn ich die Gespräche und Diskussion heute über Religiosität betrachte, lässt sich immer wieder feststellen, dass diese mit höchster Sensibilität geführt werden und mit aufrichtigem Respekt dem Andersdenkenden gegenüber verlaufen. Religiosität in der JA ist eine herzliche, auch eine emotionale Angelegenheit, sie kommt von Herzen und geht zu Herzen. Bei der JA steht schon immer der Mensch im Mittelpunkt. Die Arbeit der Jungen Aktion will den ganzen Menschen ansprechen; in seiner umfassenden Bedeutung: als einzigartige Persönlichkeit, als soziales Wesen und in seiner Beziehung zu Gott.
Meditationen und Gottesdienste sind bei uns der Ort, wo alle hitzige, verkopfte Diskussion ihre Erdung findet, wo alles Abstrakte verinnerlicht, verkörpert wird. Gottesdienste und Meditationen sind Anlass Rücksprache mit Gott zu halten; sich - und alle Theorie zu hinterfragen, zu reflektieren, zu besinnen. Vielleich kommt gerade daher die analytische Fähigkeit der JA.
Darüber hinaus sind unsere religiösen oder spirituellen Programmpunkte ein verbindendes Element für alle, die sich darauf einlassen, sie geben uns ein Gefühl des Getragen-seins. Und sie sind uns Motor und Impulsgeber für die Aufgabe, die wir wahrnehmen und den Dienst, den wir leisten, ihnen gelingt es Freude und Begeisterung zu transportieren.
Unsere christliche Überzeugung und unser Vertrauen sind uns Hilfe vor auftretenden Problemen nicht zu kapitulieren und diese nicht zu verdrängen. Durch unsere Überzeugung versuchen wir Schwierigkeiten als Herausforderung zu verstehen und sie konstruktiv anzugehen.
Hinter dem eben wunderbar formulierten Ideal stecken in Wahrheit viele lange Diskussionen und eine harte Auseinandersetzung.Seit einigen Jahren, seit eine intensive grenzüberschreitende Begegnung mit unseren tschechischen Partnern möglich ist, sind wir vor eine neue Situtuation gestellt. Das spirituelle Spektrum der JA´ler reicht mittlerweile von postkommunistisch-atheistisch sozialisierten Jugendlichen, bis hin zu konservativ katholisch praktizierenden Christen.
Wenn es allgemein die Aufgabe der JA ist, Brücken zu schlagen, sind wir in den letzten Jahren immer mehr bereit den Spagat zu wagen; wobei wir durchaus an unsere Grenzen stoßen. Die Herausforderung der JA von heute liegt darin, die religiösen und spirituellen Bedürfnisse aller JA´ler zu berücksichtigen.
Dadurch, dass wir diese Herausforderung angenommen haben, durch alle wertvollen Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren gesammelt haben, hat die JA-Arbeit ihre besondere Qualität erlangt: auf unseren Tagungen gelingt ein Dialog zwischen atheistischen und gläubigen Jugendlichen. Wir haben in unseren Gespächen einen Punkt erreicht, an dem wir über unsere unterschiedlichen religiösen Sozialisationen reden und den anderen besser verstehen lernen. In anderen Worten: wir haben eine interkulturelle Kompetenz erreicht, mit der wir im BDKJ und in der gesellschafts-politischen Diskussion über eine Werteorientierung wirklich etwas zu bieten haben.
Zusammenfassend läßt sich sagen: Unsere Religiosität und Spiritualität ist wohl das Geheimnis der schier unerschöpflichen Energieressourcen der JA, sie ist der Grund, warum die JA´ler so sind wie sie sind. Und wir wollen, dass Religiosität, wie zu Gründerzeiten, auch in Zukunft ihren Beitrag zur Verständigung zwischen den Kulturen leistet und die Menschen verbindet.

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