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Winterwoche 2006/2007

Švejk und Michl - Streit um die Geschichte?

„Geschichtsunterricht als Gegengift“
Deutsch-tschechische Studentenakademie der Ackermann-Gemeinde befasste sich mit Schulbüchern

Schulbücher sind oft die höchste Instanz für Kinder und Jugendliche. Zum Jahreswechsel wurde Lehrmaterial aus Tschechien und Deutschland von jungen Menschen beider Ländern kritisch unter die Lupe genommen worden. Sie waren Teilnehmer der dritten deutsch-tschechischen Studentenakademie mit dem Thema „Verantwortung in der Bildung? – Vermittlung von Geschichte an Kinder und Jugendliche in Deutschland und Tschechien“.

Intensive Arbeit mit dt. und tsch. Schulgeschichtsbüchern

Für den Prager Professor Zdeněk Beneš, Vorsitzender der bilateralen Schulbuchkommission, sind Schulbücher eine „normative Vorgabe an Lehrer und Schüler.“ Laut Beneš bestehe derzeit eine große Ungleichheit, da der böhmischen Geschichte in Deutschland nur wenig Interesse entgegengebracht werde. „Dagegen nimmt die deutsche Geschichte in Tschechien viel Platz ein“, so der Historiker. Martin Sachse vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München konterte darauf mit einigen aktuellen deutsch-tschechischen Projekten. Er verwies auf den vergangenen Schülerwettbewerb „Böhmen und mähr...“ an bayerischen Schulen. Zur Landesausstellung „Bayern und Böhmen“ in Zwiesel werde derzeit an Unterrichtsmaterial für Lehrer gearbeitet.

Präsentation von Arbeitskreisergebnissen

„Wenn man Geschichte vermittelt, werden automatisch nationale Symbole und Idole geschaffen“, so der tschechische Historiker Jarolsav Šebek. Dies geschehe seiner Meinung nach mit dem Hussitismus und der „Schlacht am Weißen Berg“. Beide Ereignisse hätten in der Zeit der Nationalbewegung an großer Bedeutung gewonnen. So sei die Gründung der Tschechoslowakei als „Wiedergutmachung für den Weißen Berg“ gedeutet worden. Aber auch in Deutschland seien Ereignisse und historische Persönlichkeiten immer wieder missbraucht worden. „Martin Luther stand im NS-Staat für Ordnung. In der DDR-Zeit wurde er als sozialer Reformer präsentiert“, so Šebek.

Gedenken an die Opfer des Konzentrationslagers Flossenbürg

Laut Alfred Brückner, Geschichtdidaktiker aus Weingarten sollte Geschichtsunterricht viel mehr als eine Abhandlung von Zahlen sein. „Geschichtsunterricht muss ein Gegengift sein, um nicht für einfache Erklärungen und Vorurteilen in Medien und Politik anfällig zu sein“, meinte Brückner. Wissen bedeutet laut Robert Falkenauer, Generalvikar der Diözese Pilsen und Geistlicher Beirat der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde, auch Macht. Dies sei an sich nichts Negatives. „Der richtige Umgang damit ist entscheidend“, betonte Falkenauer. Hierfür seien Werte und ein Konsens in der Gesellschaft nötig.

Die Studenten besuchten während ihres Aufenthalts in Windischeschenbach auch das nahe gelegene ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg und bekamen hautnah einen Eindruck von den Gräueltaten der Nazizeit. Durch solche Besuche könne die junge Generation heute lernen, waren sich die Teilnehmer einig. „Wir wollten Stereotypen und eingefahrenen Bildern aus der Geschichte entgegentreten“, so Raimund Paleczek, Generalsekretär der Ackermann-Gemeinde zur Gründung der deutsch-tschechischen Studentenakademie. Getragen wurde dieses Projekt durch den Jugendverband Junge Aktion und das Institutum Bohemicum. Beeindruckt zeigte sich der Organisator Matthias Dörr von dem Interesse der Teilnehmer. An einem Nachmittag wurden Schulbücher und Lehrpläne in Arbeitsgruppen untersucht und gegenübergestellt. „Eine Sicht aus mehreren Perspektiven auf die Geschichte erweitertet den Horizont und beugt Missverständnissen vor“, fasst Dörr zusammen.

Esther Jaksch

 

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