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Euphorie und Bedenken

Christoph Dörr zum Jahrestag der EU-Osterweiterung (Heft 2/2005)

Am 29. April 2004 hatten wir eine Tagung im idyllischen Bayerisch Eisenstein direkt an der deutsch-tschechischen Grenze. Dort fanden wir uns dann in der Nacht zum 1. Mai am Bahnhof ein und begrüßten um Punkt zwölf Uhr Tschechien als eines von zehn neuen Mitgliedstaaten gebührend in der EU. Mit viel Sekt, vielen JA-Hits und zu viel "Laurentia" feierten wir zusammen mit vielen Tschechen und Eisensteinern bis tief in die Nacht.

Begeisterung für Europa

Als ich dann einen Tag später wieder nach Erlangen zurückfuhr, hatte ich nun ein Stück von der ehemaligen Grenzabsperrung im Gepäck und war voller Euphorie und Optimismus für das gemeinsame zukünftige Europa. Doch was ist nun ein Jahr danach davon noch geblieben? Klar, ein altes verrostetes Stück Eisen, das einem abgefallenen Auspuff ähnelt und jetzt mein Bücherregal ziert. Aber was ist aus meiner Europaeuphorie geworden, die damals beim Anblick der Funken beim Zerlegen der Grenzabsperrung in mir entfacht wurde?

Geballte Power aus dem Osten

Keine zwei Monate später war die Fußball-EM in Portugal. Der EU-Neuankömmling schickte uns mit einem Rechtsschuss von Milan Baroš in der 74. Minute in die europäische zweite Liga. Und nun hört man aus sämtlichen Richtungen, dass dies uns auch in wirtschaftlicher Hinsicht bevorsteht. Viele Arbeitsplätze wandern in den Osten ab und polnische Scheinselbstständige erobern Deutschlands Baustellen. Ein tschechischer Fliesenleger bietet seine Dienste für den halben Preis seines deutschen Kollegen an, während unsere Arbeitslosenquote in eine Dimension vordringt, dass sie beinahe in einem Spaßwahlkampf der FDP flippige Werbeplakate schmücken könnte.

Grenzen sind noch da

Doch sind nicht sicherlich auch Vorteile für einen kleinen Mann wie mich herausgesprungen? Nun ja, eine Reformierung unseres WG-Putzplanes wäre wahrscheinlich sinnvoller als gleich das ganze Bad mit neuen Fliesen auszustatten. Bei einer Stippvisite unseres neuen Nachbarn merkte ich auch schnell, dass die Grenzen doch noch nicht wirklich gefallen sind. Da ist nicht einmal ein Michi Utschig auf dem Beifahrersitz ein Garant für einen reibungslosen Übertritt. Und Becherovka, Karlsbader Oblaten und Billigbenzin können wir ja auch noch nicht mit unserem doch nun so lieb gewordenen Euros bezahlen.

Gedämpfte Euphorie

Da ist es natürlich verständlich, dass sich viele Menschen nur schwer für ein erweitertes Europa begeistern lassen, da viele Vorteile auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. Aber es ist unpassend ein derart einmaliges Ereignis in einem zu kurzen Zeithorizont zu betrachten. Europa hat endlich seine schmerzliche Trennung überwunden. Davon kann längerfristig gesehen die Wirtschaft und Sicherheit in ganz Europa nur profitieren, auch wenn es bis dahin noch ein langer und mühsamer Weg sein kann. Denn die Zeiten für Politik und Wirtschaft sind immer schwierig - warum dann nicht wenigstens mit einer historischen Perspektive?

Christoph Dörr