E-Mail

Die gewonnene Freiheit

Für Andrea Vojtillova hat sich seit dem 1. Mai 2004 viel verändert (Heft 2/2005)

"Herzlich Willkommen in der EU. Auch wenn die Zukunft wohl schöne und weniger schöne Überraschungen für uns bereithält, sind doch die meisten Leute hier in Deutschland froh, dass sich unser Kontinent so entwikkelt.'' Nach dieser E-Mail eines Freundes war ich sicher, dass wir endlich zu dem vereinten Europa gehören; zum Raum der Freiheit, Sicherheit und Demokratie. Die Einlösung des Versprechens, dass die Europäische Union grundsätzlich allen europäischen Staaten offen stehe, ging auch für die Slowakei nach dem 1. Mai 2004 in Erfüllung.

Zehn neue EU-Mitglieder

Aus Mittel- und Osteuropa traten zehn neue Staaten mit zehn neuen Kulturen, Sprachen und Landesgeschichten der EU bei. Das Angebot dieser Länder ist unterschiedlich und einzigartig. Jedes hat viel zu bieten. Zu diesen Ländern gehört auch meine Heimat - die Slowakei, dank seiner geografischen Lage auch "Herz Europas" genannt. Was hat sich für mich nach dem EU-Beitritt verändert? Ich beginne mit dem beflügelnden Wort von Moslik Saadis: "Alles ist schwierig, bevor es leicht wird." Wer hätte vor zehn Jahren geglaubt, dass Länder wie die Slowakei, Lettland, Estland oder Slowenien so schnell Mitglieder der EU würden? Es hätte wie ein Traum geklungen und es war ein Traum. Viele, die zumindest eine Ahnung von europäischer Geschichte haben, wissen, dass der Weg zur Vereinigung nicht nur schwierig, sondern auch lang war. Viele dieser Länder - so auch meine Heimat - waren nach dem Zweiten Weltkrieg aufgrund großer Ungerechtigkeit dem Kommunismus unterworfen.

Bedingte Selbstbestimmung

So konnten meine Eltern und Großeltern nicht entscheiden, wohin sie in den Urlaub fahren konnten. Wenn es in den Geschäften nichts zu kaufen gab, wenn die Arbeit zu schlecht oder die Wohnung zu klein war, so war nicht die einzelne Person, sondern der Staat oder die Partei schuld. Sie haben nicht den Sinn des Wortes "Freiheit" gekannt. So ist für mich die größte Veränderung nach dem EU-Beitritt der Slowakischen Republik die gewonnene Freiheit.

"Studieren, wo immer ich will"

Gerade in diesen Sommerferien, als ich nach Deutschland gefahren bin, konnte ich so richtig die offenen Grenzen des vereinten Europas genießen. Keine Stempel in meinem Pass, eigentlich überhaupt keinen Pass mehr! Ich kann studieren in welchem Land ich will, kann reisen, neue Leute kennen lernen, meine Sprachkenntnisse vertiefen und verbessern. Ich habe das Recht frei zu leben! Das alles ist wirklich sehr schön. Doch schade, dass fast jeder Vorteil auch einen Nachteil mit sich bringt, besonders im Hinblick auf die Kriminalität.

Angst vor hohen Preisen

Mir bereitet es große Freude, dass ich nun in meinem Lieblingsgeschäft aus einem bunteren Sortiment als früher wählen kann: Lebensmittel, Kleidung - Waren fast aus der ganzen Welt. Schade nur, dass die Preise immer höher werden und ich mir als Studentin vieles nicht leisten kann. Die erwartete Teuerungswelle macht vielen Slowaken Angst - mir auch ein bisschen - obwohl ich mir das Ziel am Ende dieses langwierigen Prozesses der Annährung vor Augen halte: ein vergleichbarer Lebensstandard in Ost und West. Toll finde ich auch die Möglichkeit neue Kulturen, Traditionen, Sitten und Bräuche der anderen Länder kennen zu lernen. Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, wie die anderen Europäer leben und wie sie Feste feiern. Ich meine, wenn sich die europäischen Nachbarn gegenseitig näher kennen lernen, dann werden sie einander schätzen lernen oder einander respektieren. Niemand sollte seine eigenen Traditionen und Rituale vergessen, sondern sie stolz an seine Kinder weitergeben.

Die Zukunft liegt in Gottes Hand

Alles ist am Anfang und von heute auf morgen wird sich gar nichts ändern. Was die Zukunft bringt, das weiß nur Gott - wir können nur leben, wie an jedem Tag, uns an die vorigeren Tage erinnern und auf die neuen freuen. Wie Leo Tolstoi sagte: "Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann."

Andrea Vojtillova