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Probleme der aktuellen Versöhnungsarbeit

Probleme der aktuellen Versöhnungsarbeit (Heft 3/2004)

Deutsche und tschechische Jugendliche sagten mir:
"Ein Referat an der Uni zu halten, das ist für mich überhaupt kein Problem"
"Ich hätte keine Ahnung von interkulturellen Themen, wenn ich damals nicht die Junge Aktion getroffen hätte"
"Wenn jemand für die Diskussionsleitung gesucht wird, bin ich meistens die einzige, die sich das zutraut"

Diese Aussagen sind deshalb möglich, weil sich die Jugendlichen nicht nur oberflächlich, sondern differenziert mit zwischenmenschlichen und zwischenstaatlichen Beziehungen, beispielhaft an der deutsch-tschechischen Thematik, beschäftigt haben. Doch wem sag ich das, die meisten von Ihnen haben ja auch diese verbandliche Sozialisation, diese Lebensschulung, durchlaufen. Sie wissen am Besten, wovon die jungen Menschen reden.

"Die Probleme der aktuellen Versöhnungsarbeit", so lautet das Thema, und wenn in der Jungen Aktion von Versöhnung die Rede ist, dann sind Sie gemeint, liebe Ackermänner und -frauen, dann stehen Ihre Visionen von Versöhnung im Vordergrund, von denen Sie sich nicht haben abbringen lassen, weder durch einen langen Zeitraum, noch durch Real-Politiker oder durch einen eisernen Vorhang. Darin sind Sie der jungen Generation zum Vorbild geworden! Diese hat allerdings nicht mehr Ihre Motive, aber die Arbeit basiert auf den tragfähigen Säulen, die Sie errichtet haben. Versöhnung hat etwas zu tun mit der Geschichte, die hinter mir liegt, deshalb hat unsere Jugend einen anderen Zugang zu dieser Thematik. Sie haben Formen der Auseinandersetzung gefunden, die der neuen Konstellation in Europa entspricht, sie machen sich die Kulturunterschiede in der deutsch-tschechischen Begegnungsarbeit bewusst und trainieren ihre Fähigkeiten zu interkultureller Kommunikation, sie wählen z.B. das Tagungsthema: "…fremd sein" und befassen sich mit dem beeindruckenden Bericht von Herrn Alfred Salomon, der seinen schweren Lebensweg nicht beklagt, sondern als Herausforderung, als Chance, ja als Rettungsgeschichte beschreibt, oder sie befassen sich mit der Geschichte des Ortes Ležaky, mit der Vermittlung von Geschichte in tschechischen und deutschen Lehrbüchern und vergleichen die Erinnerungskulturen unserer beiden Länder.

Wie Sie, so hat auch die Junge Aktion Visionen, sie hat sie im vergangenen Jahr als Leitsätze neu formuliert und sie umfassen das Bekenntnis zu einem christlichen Leben, den Einsatz für Menschenrechte, als zentrales Anliegen die Begegnung mit den Mittel- und Osteuropäischen Nachbarn und den Aufbau eines "Europa der Menschen". Sie fassen, wie die Bundesführung sagte, 50 Jahre Erfahrung sowie neue Herausforderungen in unsere heutige Sprache. Ihre gute Saat ist aufgegangen!

Wir haben aber auch Probleme zu bewältigen, z. B. Nachwuchs zu finden für einen Jugendverband der nicht nur katholisch ist, sondern auch noch sudetendeutsch! Jugendliche für eine langfristigen Mitarbeit zu gewinnen, obwohl in Studium und Beruf die totale Flexibilität erwartet wird; Interesse zu wecken für die deutsch-tschechische Thematik und für ein Land, in das die überwiegende Mitgliederzahl gar keine biografischen Wurzeln mehr hat. Begeisterte zu finden für Begegnungen, die in böhmischen Dörfern stattfinden, in einem kleinen Nachbarland ohne Meer und Strand, wo heutzutage die Malediven genauso schnell erreichbar und manchmal "last minute" fast genauso billig sind.

Deshalb haben vor acht Jahren ein paar mutige JA-ler mit viel Lust und Liebe die deutsch-tschechische Kinderfreizeit Plasto Fantasto ins Leben gerufen und einen wichtigen Grundstein gelegt. Seit einigen Jahren ist das Jugendbildungsreferat der Ackermann-Gemeinde Organisator dieser Veranstaltung. Dorothee Schuchardt hat trotz verkürzter Arbeitszeit, aber mit gesteigertem Engagement die Leitung übernommen und mit dem Thema "Migration" unsere Leitsätze erfolgreich umgesetzt. Ganz in diesem Sinne und entsprechend den Regeln unserer globalen Welt nehmen heute Kinder aus Deutschland, der Tschechischen Republik, aus Polen, der Slowakei und aus Griechenland teil, aber darüber hinaus auch Kinder aus Syrien und dem Irak, die mit ihren Eltern nach Deutschland immigriert sind. Der 10-jährige Haubir aus dem Irak hat in der Reflexion der Kinderfreizeit in die Spalte "Wünsche/ Anregungen" geschrieben: "Ich wünsche mir, dass ich nächstes Jahr wiederkommen darf!" So haben wir bei unseren Jugendbegegnungen im Sommer, über Ostern in Rohr und auf der Winterwerkwoche zwar keine spektakulär großen Zahlen, aber doch regelmäßig eine Gruppe von 60 bis 80 motivierten Teilnehmern aus der Jungen Aktion und dem Jugendbildungsreferat, aus unseren Partnerverbänden Rytmika Šumperk und MIP/ Brünn, aus der Zips in der Slowakei und aus Griechenland, die sich über Jahre kennen und die ein tragbares Netz von Freundschaften in Europa gesponnen haben.

Mit Blick auf diese jungen Menschen kann ich nicht einstimmen in die Kritik an unserer Jugend, der emotionale und soziale Kompetenz abgesprochen wird, die sich angeblich vor dem Ehrenamt und dem bürgerschaftlichen Engagement drückt. Jugendarbeit ist Bildungsarbeit und diesem Anspruch sind die Junge Aktion und das Jugendbildungsreferat in vollem Umfang gerecht geworden: Sie sind schon für unsere Kinder Werkstätten der Demokratie, sie setzen Zeichen gegen die allgemeine Politikverdrossenheit, sie übernehmen Sozialisierungsaufgaben, bieten Werte-Orientierung, sie setzen auf Kontinuität und Partizipation und sind sich ihrer Verantwortung in Staat, Kirche und Gesellschaft bewusst.

Nicht umsonst ist Jugendförderung keine freiwillige Leistung des Staates, sondern gesetzlich verankert! Heute sind wir allerdings mit einem existenziellen Problem konfrontiert, für das wir noch keine Lösung gefunden haben: Die Kürzung der Fördermittel durch Staat und Kirche.

Wir haben in diesem Jahr "10 Jahre deutsch-tschechische Sommerwoche Chudenice" gefeiert. Damit kann man heute keine Förderstelle mehr beeindrucken. Sie fragen: "Wie bitte? Sie machen zehn Jahre lang dasselbe?" Wo sonst Nachhaltigkeit eingefordert wird, stehen Einzelprojekte im Vordergrund, Strohfeuer-Veranstaltungen, die nach Beendigung nicht mehr "förderfähig" sind. Wo sich eine langfristige Begleitung und Betreuung durch hauptamtliche Bezugspersonen bewährt hat, werden Arbeitszeiten gekürzt und billigere Kurz-Zeit-Jobs angeboten. Wo das Erleben von Glaube und Christsein in einer Gemeinschaft Ziel war, konzentriert sich auch die Kirche auf Sparbeschlüsse und Haushaltskonsolidierung.

Leider hat man nicht den Eindruck, dass dieses Thema von besonderem öffentlichem Interesse wäre. Und wenn Sie erlauben, frage ich auch Sie: Wo, bitte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bringt sich die große Gruppe der Jungen Ackermann-Gemeinde ein, und sorgt für einen guten Übergang vom Jugendverband zur AG? Und Sie, liebe Eltern und Großeltern, weisen Sie Ihre Kinder und Enkel immer wieder auf die Veranstaltungen der Jungen Aktion hin? Und Sie, liebe Lehrer, leiten Sie unsere Angebote an Ihre Schüler weiter? Und Sie, geehrte Professoren, kennen Ihre Studenten unseren Verband? Und Sie, liebe Politiker, stehen andere Einsparmöglichkeiten überhaupt noch zur Diskussion? Und Sie, Hochwürdige Herren Bischöfe und Priester, ist Ihnen bewusst, dass Sie über die kirchlichen Verbände Zugang zu Jugendlichen finden, die Sie sonst nie erreichen würden? Und Sie, liebe Diözesanvorsitzende und liebe Kollegen in den Diözesansekretariaten, wissen Sie, dass der Aufwand für Antragstellung und Verwendungsnachweise in der Jugendarbeit längst ein Maß überschritten hat, das Jugendliche ehrenamtlich leisten können? Und Sie, liebe leitende Ackermänner und -Frauen aus dem Vorstand und dem e.V., sind Sie in Zeiten knapper Kassen bereit, auch unkonventionelle Entscheidungen zu treffen, um zu verhindern, dass es zu einer Reduzierung unserer Angebote und der weiteren Entlassung von hauptamtlichen Mitarbeitern kommt?Sie kennen nun unsere Sorgen, sie sind jetzt "Mitwisser". Ich bitte Sie alle um Ihre Unterstützung für unsere Jugend, damit die erfolgreiche Aufbauarbeit der Ackermann-Gemeinde weiter geführt werden kann und damit wir Haubir antworten können: "Du, mein Junge, Du kommst nächstes Jahr auf jeden Fall wieder mit - und alle anderen Kinder auch!"

Margareta Klieber

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