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Eindrücke einer Tschechin, die zum ersten Mal auf einem Sudetendeutschen Tag war

Eindrücke einer Tschechin, die zum ersten Mal auf einem Sudetendeutschen Tag war (Heft 2/2004)

Was weiß ich eigentlich über die Sudetendeutschen? Aus der Familie geht keine direkte Erfahrung hervor. Im Rahmen des kommunistischen bzw. vom Kommunismus immer noch stark geprägten Schulunterrichts habe ich verständlicherweise auch nichts "Ordentliches" gehört. Ich muss schon zugeben, dass ich mit dem Thema zum ersten mal eigentlich erst einige Jahre nach der Wende konfrontiert wurde. Wie soll man sich aber ein möglichst wahres Bild der Vergangenheit beschaffen, wenn so viele der Aussagen entweder immer noch von der vertrauten kommunistischen Propaganda beeinflusst sind und andere wiederum das Ganze um 180 Grad drehen - die Bösen waren und sind die Tschechen, unschuldige Opfer hingegen die Sudetendeutschen?

Nach dem ersten persönlichen Kontakt mit den Vertriebenen, nämlich mit der Ackermann Gemeinde in Bamberg, neigte ich aber auch leicht dazu die größere Schuld an der zugespitzten Situation der tschechischen Seite zuzuschreiben. Den gewaltigen Unkenntnissen der Geschichte des eigenen Landes bei so vielen meiner Landesgenossen und ihren Ängsten, die von den alten sowie neuen populistischen Machtherren reich genährt wurden. Die Teilnahme an dem Sudetendeutschen Tag in Nürnberg hat diese Vorstellungen allerdings etwas korrigiert.

Jetzt bin ich davon überzeugt, dass sich beide Seiten ziemlich ähnlich sind. Neben einer leider zu kleinen Gruppe derer, die mit viel Sensibilität, Verständnis und Kompromissfähigkeit den Weg zu den anderen suchen, sieht man eine große Zahl derer, die im Boden alter Mythen und Selbsttäuschungen fest verankert sind. Und dann natürlich die Politiker. Anstatt aus ihrer einflussreichen Position an der Spitze des allgemeinen Interesses und der Aufmerksamkeit etwas für die Heilung alter Wunden zu tun, streuen sie noch Salz darauf, anstatt die irrtümlichen Vorstellungen zu beseitigen, schaffen sie neue. Wie oft konnte man während des Sudetendeutschen Tages hören, dass die Sudetendeutschen ein Bindeglied im vereinigten Europa darstellen. Bindeglied? Wie wahrhaft würde diese Aussage für die Tschechen klingen, wenn die Repräsentanten der vertriebenen deutschsprachigen Bewohner böhmischer Länder sich als die ersten für den Beitritt der Tschechischen Republik in die Europäische Union ausgesprochen hätten. Was für ein großen Schritt nach vorne wäre es gewesen... Und das tschechische Parlament antwortete mit der "Heiligsprechung von Edvard Beneš"...

Auf beiden Ufern die gleiche schwarz-weiße Wahrnehmung der Realität. Als ob eine "Bewegung" auf der einen Seite nicht einen Anstoß auf der anderen Seite benötigte. Man kann nur hoffen, dass die Vorgangsweise der "Obrigkeit" keine großen Hindernisse denjenigen Vernünftigen in den Weg stellt, die für die Versöhnung auf der "niedrigsten", nämlich der menschlichen Ebene arbeiten.

Helena Perinová
Doktorandin an der LMU, Wissenschaftliche Hilfskraft im Collegium Carolium