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Fünf Thesen zum deutsch-tschechischen Verhältnis aus junger Perspektive

Fünf Thesen zum deutsch-tschechischen Verhältnis aus junger Perspektive (Heft 2/2004)

Vorbemerkung:
In fünf Thesen haben wir versucht zusammenzufassen, was uns seit Pfingsten auf den Nägeln brennt. Das Folgende ist daher nur als Momentblitzlicht zu verstehen, und spiegelt nicht die Summe unserer Ideen, sondern eher ein Spiegel unserer derzeitigen Debatten. Vorab sei gesagt, dass in fast allen Be-reichen des deutsch-tschechischen Verhältnisses seit der Wende von 1989 Normalität herrscht, wozu auch Sudetendeutsche beitragen. Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verläuft dennoch zumeist anders, weil moralische, historische und rechtliche Fragen als Folge des Zweiten Weltkrieges wie ein Schatten über den zumeist hervorragenden Beziehungen liegen.

These 1: Versöhnungswille beziehungsweise Unversöhnlichkeit ist keine Generationenfrage - eine "biologische Lösung" gibt es nicht
Im Zusammenhang mit den noch immer als "ungelöste Problemen" bezeichneten Fragen, wird häufig die Hoffnung oder Drohung geäußert, dass sich diese mit dem Aussterben der sog. Erlebnisgeneration von selbst lösen würden. Unserer Meinung nach unterscheiden sich die Einstellungen zu den umstrittenen Fragen und die Herangehensweise nicht nach Generationen. Verletzungen und leider häufig auch der Umgang damit werden vererbt. Zudem zeigt ein Blick in die Erinnerungsgeschichte Deutschlands, dass kein Zusammenhang zwischen der zeitlichen Nähe oder Ferne zu einem histori-schen Ereignis und dessen politischer Brisanz besteht.

These 2: Es droht eine Dominanz juristischer Auseinandersetzungen
Im deutsch-tschechischen Verhältnis seit 1989/90 lassen sich drei Phasen erkennen. In den ersten Jahren nach der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei stand die moralische Bewertung der Ver-treibung der Sudetendeutschen im Zentrum der Diskussion. Mit der Vor- und Nachgeschichte der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997 verbindet sich eine politische Diskussion um die historische Beurteilung. In der dritten Phase, die im Jahr 2002 mit dem Gutachter-Streit um die sog. Beneš-Dekrete begann, werden nun rechtliche Fragen das Verhältnis dominieren. Mit dem EU-Beitritt der Tschechischen Republik droht eine Belastung des zwischenstaatlichen Verhältnisses durch juristische Auseinandersetzungen. Bei diesen wird es um Entschädigung, Eigentumsrückgabe und die Gültigkeit der sog. Beneš-Dekrete gehen. Ein weiterer Ausdruck dieser "Verrechtlichung" des deutsch-tschechischen Verhältnisses ist das "Lex Beneš", das per Gesetz eine Beurteilung der Person Edvard Beneš´ festschreiben will. Eine Prognose über den Ausgang möglicher juristischer Auseinandersetzungen ist nicht möglich. Wir meinen: Barmherzigkeit ist besser als Gerechtigkeit.

These 3: Die Sudetendeutschen müssen aus der Opferrolle heraustreten
Diese drohenden juristischen Auseinandersetzungen verdeutlichen, dass Sudetendeutsche ihre Opferrolle in den Vordergrund ihres Selbstverständnisses stellen. Wir halten ein Verharren in dieser Rolle für die Aufarbeitung und erfolgreiche Bewältigung der Geschichte nicht für erfolgsversprechend. Nur eine grundsätzliche Bereitschaft zur Versöhnung mit den Nachbarn kann Fundament einer Zukunft sein, die Wunden der Vergangenheit nachhaltig heilt. So schafft man auch Basis für einen Wandel der Einstellungen auf tschechischer Seite, was sich an zahlreichen Beispielen aus der Arbeit der Jungen Aktion und der Ackermann-Gemeinde zeigen lässt.

These 4: Politik, die in ihrer Rhetorik bei Rechtspositionen verharrt, liefert Menschen keine Bewältigungsansätze
Der Sudetendeutsche Tag ist alljährlich der Seismograph für Stimmungen im deutsch-tschechischen Verhältnis. Beim diesjährigen Sudetendeutschen Tag haben wir bei allen Rednern die aufkeimende Differenzierung der vergangen Jahre wieder vermisst. Auch hier gilt: Wer in Deutschland und Tsche-chien nur demonstrativ auf Rechtspositionen verharrt, gaukelt den Betroffenen Engagement für Problemlösungen vor, ohne hierzu einen produktiven Beitrag zu leisten. Wäre es nicht an der Zeit, etwa die bayerische Schirmherrschaft in ihrem Verständnis neu zu definieren?

These 5: Es gibt keine Einheit der Sudetendeutschen Volksgruppe. Die Arbeitsweise der Ackermann-Gemeinde muss Exportschlager für möglichst viele sudetendeutsche Gruppierungen werden
Die Junge Aktion der Ackermann-Gemeinde war seit ihrer Gründung Vorreiter in den sudetendeutsch-tschechischen Beziehungen, weil sie Begegnung und konkrete Zuwendungen für Deutsche und Tschechen schon in der Zeit des Eisernen Vorhangs pflegte. Sie hat sich stets als eigenständige Gruppierung in der katholischen Kirche verstanden, die sich trotz ihrer sudetendeutschen Herkunft nicht von einer vereinheitlichenden Volksgruppenidee vereinnahmen lassen will. Für die zukünftige Arbeit hat die Ackermann-Gemeinde durch die Ellwanger Erklärung vom Juni 2001 und die AGenda ´02 vom No-vember 2003 ihre inhaltliche Zielrichtung vorgegeben. Die Junge Aktion hat Leitsätze formuliert, die als jugendpolitisches Pendant zu diesen Texten zu verstehen sind.

Matthias Dörr, Rainer Karlitschek