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"VEREINIGTE VERSÖHNLER"

"VEREINIGTE VERSÖHNLER" (Heft 1/2004)

Der Sommer 2003 war ein sehr heißer Sommer. Dies bekamen nicht nur die JAler bei Ihrer Sommerwoche in Rohr zu spüren, auch das deutsch-polnische und das deutsch-tschechische Verhältnis hatte darunter zu leiden. Eine hitzige Debatte um ein "Zentrum gegen Vertreibungen", das der Bund der Vertriebenen (BdV) in Berlin errichten will, hinterließ große Brandschäden auf dem mühsamen Feld der Aussöhnung mit unseren östlichen Nachbarn.

Dass es in der katholischen Kirche Deutschlands eine Vielzahl von Versöhnungsinitiativen gibt, die sich nicht nur als Feuerwehrmänner sehen wollen, wurde Anfang April in Fulda deutlich. Die zehn Visitatoren hatten Jugendliche und junge Erwachsene eingeladen, um sich über deren Projekte mit polnischen und tschechischen Jugendlichen zu informieren. Die Visitatoren sind von der Deutschen Bischofskonferenz ernannte Priester, die einen besonderen seelsorgerischen Auftrag für Heimatvertriebene (Danziger, Breslauer, Sudetendeutsche...) oder Spätaussiedler (Russlanddeutsche, Donauschwaben...) haben. Geprägt war das gesamte Wochenende von der Bereitschaft mit der heute in den Heimatgebieten wohnenden Bevölkerung etwas gemeinsam zu tun.

Eine junge polnische Deutsch-Lektorin aus Schlesien berichtete von der "Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung", der Jugendinitiative im Heimatwerk Schlesischer Katholiken. Diese Gruppe organisiert schwerpunktmäßig Seminare, die sich mit der Geschichte Schlesiens und dem deutsch-polnischen Verhältnis auseinandersetzen. Dabei ist es auffällig, dass das Interesse an dem deutschen Anteil der Geschichte dieser Region besonders bei der jungen Generation in Polen vorhanden ist. Ein Phänomen, das auch in Tschechien oft zu beobachten ist. Ein deutsch-polnischer Grenzgänger ist Andreas Schmeier. Sein Theologiestudium begann er in Deutschland, entschied sich jedoch nach Allenstein/ Olsztyn zu gehen, wo zum Priester geweiht wurde. Heute ist er als Kaplan in der Diözese Ermland, im südlichen Teil des ehemaligen Ostpreußens, als Seelsorger für die deutsche Minderheit zuständig. In diesem Bistum leben heute noch etwa 27.000 Deutsche. Dies haben auch eine Jugendgruppe mit einem mit einer festen Kern von 40 Personen, die mit der Gemeinschaft Junges Ermland, Mitgliedsverband in der Aktion West-Ost, zusammenarbeitet. Während seiner vierjährigen Tätigkeit erfuhr Schmeier viel Unterstützung vom dortigen Bischof und wurde offen von der polnischen Bevölkerung aufgenommen. Zudem übernimmt er eine wichtige Vermittlerfunktion zwischen der heutigen Bevölkerung und den deutschen Vertrieben aus dieser Region, denen er bei Reisen häufig als Ansprechpartner dient.

Unter den vorgestellten Gruppen waren auch die Junge Grafschaft und die Aktion West-Ost, die durch ihren Vorsitzenden Benedikt Voigt vertreten war. Die Präsentation der Begegnungsarbeit der Jungen Aktion und der Ackermann-Gemeinde ergänzten die Ausführungen zu den deutsch-polnischen Initiativen um die Partnerschaftsarbeit mit Tschechien.

Die Fuldaer Veranstaltung bot einen Einblick in die Vielfalt christlicher Versöhnungsarbeit. Dass diese durch die Auseinandersetzungen auf politischer Ebene von einer breiteren Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden, war das ernüchternde Fazit. Daher wurde die Absicht geäußert, im Jahr 2005 durch eine gemeinsame Wallfahrt nach Fulda, zu der die Visitatoren aufrufen wollen, auf diese Friedensarbeit aufmerksam zu machen.

Es bleibt zu hoffen, dass es den Versöhnungsbereiten gemeinsam gelingt, die Hitzeschäden des Jahres 2004 zu beheben. Die Junge Aktion und die Ackermann-Gemeinde werden jedenfalls "besonnen, beharrlich und zuversichtlich" weiterhin Friedensarbeit in der Mitte Europas leisten.

Matthias Dörr