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Zwei Münchner in Hamburg oder: Die Nöte des Schaulaufens

Zwei Münchner in Hamburg oder: Die Nöte des Schaulaufens
Rainer Karlitschek über zwei Bundessprecher auf politischem Parkett (Heft 4/2000)

Um 15.01 Uhr fährt der Zug ab. Ziel: Hamburg - 3. Jahreskonferenz des Koordinierungsrats des dt.-tsch. Dialogforums. Die Party gestern abend war natürlich viel zu ausgiebig, als dass ich noch meinen Koffer hätte packen können, und früh aufstehen war einfach auch nicht drin. Um 11 Uhr fällt mir im Halbschlaf siedend heiß ein, dass ich ja vorher noch in der Hauptstelle ein paar Festschriften mit Havel-Grußwort einpacken wollte und schlimmer, ich muss ja noch Tutorium halten - ist die Verdi-Liste eigentlich fertig oder nicht? Also raus und los geht´s.
Vor der Morgenpflege erstmal Uni-chek: Glück, denn die Stunde ist schon fertig, es müssen nur noch ein paar Blätter kopiert werden. Unter der Dusche entsteht die dringliche Frage, was zieh ich dort eigentlich an? Wer kommt da hin? Christoph Zöpel, Staatsminister im Auswärtigen Amt, Barbara Stamm, Bayerische Sozialministerin, Antje Vollmer, Vizepräsidentin des deutschen Bundestages, ach ja, hoffentlich Frantisek Cerny, der tschechische Botschafter in Deutschland, sicher auch Carsten Lenk, Bernd Posselt, Reinhold Macho, Toni Otte, Herbert Werner, Raimund, F.O., Peter Becher - ja klar, auf Frau Winkler und Anna Knechtel freue ich mich auch schon. Hat sich Jan Patek jetzt eigentlich eine Einladung besorgt? Also eindeutig: Anzug - jetzt wo sogar Matthias immer im Dreiteiler rumrennt.. Doch wohin einpacken. Ich kann doch nicht in die Uni mit Anzug gehen, einen geeigneten Koffer habe ich auch nicht - also doch das Risiko eines knittrigen Anzugs. Mein Gott, hast Du keine anderen Probleme?
Entschieden ja! Was hat das alles mit unserem Verband zu tun? Warum fahren zwei Bundessprecher auf eine Tagung, auf der es um die Zusammenarbeit Tschechiens und Deutschlands in der NATO geht, wo hohe Militärs darüber berichten, wie der gemeinsame Einsatz im Kosovo ablief? Was bringt das der JA inhaltlich? Liegen unsere Sorgen nicht ganz wo anders? Und noch schlimmer: Auf solchen Treffen wird einem immer wieder klar vor Augen geführt, in welchem Spektrum man von außen wahrgenommen wird - die Geschichte mit dem Vertriebenenspektrum, mit der sudetendeutschen Volksgruppe. Das kann man nur noch frustriert mit Galgenhumor nehmen. Denen werden wir alle Steffens Artikel aus der Festschrift zu lesen verordnen.
Schwarzes oder weißes Hemd, eine oder zwei Krawatten?
Meine Güte, dieses Schaulaufen - sind wir nur jugendliche Statisten? Hat die Junge Aktion konkreten Nutzen, wenn wir uns auf ein solches Parkett begeben?
Zwei Dinge sind es, die hier offenbar werden. Die Teilnahme an einem solchen Treffen zeigt, dass der Jugendverband Junge Aktion richtig liegt. Richtig liegt in seiner Funktion als Bestandteil des dt.-tsch. Dialogs, mehr noch, als unverzichtbarer Bestandteil im dt.-tsch. Dialog.
Schwarzes und weißes Hemd - nur eine Krawatte.
Und der Dialog beinhaltet in seiner ganzen Komplexität Dialog unter Jugendlichen und Erwachsenen, jenen, die die Rahmenbedingungen für die Begegnungen unter Jugendlichen schaffen. Und die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass es auf dem politischen Parkett unumgänglich ist, eine Erdung im Verband zu haben und dass das auch rüberkommt. Von abgehobenem Rumreden und Diskutieren kann also nicht die Rede sein. Politik ist eben nichts anderes als Umsetzung der eigenen Ziele mit anderen Mitteln.
Wo ist denn jetzt die Krawatte?
Ja und nicht zuletzt sind da die vielen Ermöglicher unserer Arbeit: u.a. der Zukunftsfonds, der uns jährlich mit zigtausend Mark honoriert - Furth, Plasto-Fantasto, die Bananas, Chudenice... Das sind konkret Leute wie die Geschäftsführer Thomas Kafka, Herbert Werner, wie Anna, die Leute im Verwaltungsrat - schön die alle auch per Gesicht zu kennen und nicht nur als anonyme Institution - das gilt auch umgekehrt.
Matthias wollte eine Liste erstellen, wem man alles eine Festschrift übergeben, und mit wem man über was sprechen sollte. Also: Ist das in der Luft stehende Angebot von Herrn Cerny noch aktuell, die dt.-tsch. Begegnungsarbeit in Berlin in seinen Räumen vorzustellen?
Der Koffer ist echt zu klein, der Bus fährt gleich und meine Gedanken sind immer noch kreisend um das eine: Schaulaufen oder nicht. Die Wirkungsweise der JA ist so vielschichtig.
Wir sollten uns nicht die Chance nehmen, diese Wechselbeziehung in aller Tragweite selbst zu bestreiten, damit wir eben nicht vorgeschoben werden, von irgendjemand, der sich gerne mit uns - der Jugend, der Zukunft - schmückt. Als ich letztes Jahr zum Bundessprecher gewählt wurde, war mir gar nicht klar, wieviel für uns daran hängt, von Außen wahrgenommen zu werden, einfach nur, damit wir noch weiterhin Leute und Institutionen finden, die unsere Tagungen für uns alle erschwinglich machen. (Dabei ist Geld ein blödes Todschlägerargument.) Aber es heißt auch, dass die JA von der Gesellschaft als wichtig angesehen wird, dass unsere Idee von einem menschlichen Europa, in dem Tschechen und Deutsche - und viele Nationen mehr - in ein Netz eingebunden sind, das so vielschichtig ist, dass es über die reine zwischenmenschlichen Begegnungen hinausgeht. Politik als Dienerin für die Polis, die Gemeinschaft, für jeden Einzelnen.
Schaulaufen? Nein, denn es ist uns ernst, ernst um den Verband. Jetzt aber zum Bus, das muss ich mal mit Matthias bereden.

Rainer Karlitschek

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