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Brasilien (von Christoph Dörr)

Stadtbild von Sao Paulo

aus: JA-Heft 2/2007

„Die schönsten Frauen kommen aus Brasilien”
Christoph Dörr über seinen Aufenthalt in Brasilien

Wer einmal richtiges Brasilien-Flair auf einfache Weise erleben will, dem empfehle ich einen Besuch im brasilianischen Konsulat in München. Als ich dort im Juni letzten Jahres mein Visum für ein sechsmonatiges Industriepraktikum in Brasilien beantragen wollte, war die Freude über die kurze Warteschlange vor mir schnell getrübt. Denn der Brasilianer, wie es schien, lässt alles ruhig angehen und bewahrt derweil stets seine freundliche und offene Art.

Im Urwald

Unbesorgte brasilianische Lebensweise

Nachdem ich von meiner sehr netten Gastfamilie herzlich in Empfang genommen wurde, wurde mir sehr schnell klar, dass ich keine andere Wahl hatte als mich auf eine Lebensart, die durch das Wort tranqüilo (ruhig, unbesorgt) charak­terisiert wird, einzulassen. Sonst wäre ich  zerbrochen an einer 44-stündigen Arbeitswoche und den bis zu zweistündigen Arbeitswegen durch das Großstadtchaos von Belo Horizonte. Die Fahrten in den meist völlig überfüllten Bussen, Metros und illegalen Taxis konnte ich immerhin dazu nutzen, mir das Portugiesisch ein wenig anzueignen.

der Neffe einer Freundin auf einer Gartenparty

Denn wer die Sprache spricht und Samba tanzen kann oder sich zumindest um beides bemüht, der ist in Brasilien ganz klar im Vorteil. Dies öffnet die Türen, eine wirklich sehr vielfältige und interessante Kultur näher kennen zu lernen. Durch die spannende und leider auch traurige Geschichte des portugiesischen Kolonialstaates gibt es nämlich nichts, was es nicht gibt. Das beginnt bei den von Europa stark geprägten Süden des Landes, japanischen Einflüssen in Sao Paulo und endet in Salvador da Bahia, welche als afrikanischste Stadt außerhalb des Schwarzen Kontinents gilt.

meine Arbeitskollegen bei der Betriebsfeier

Pelé war besser als Maradonna

Es ist  angenehm, da die Brasilianer solch ein durch­mischtes Volk sind, dass man nicht sofort überall als Ausländer auffällt. Meistens kann man dies aber doch nicht lange verbergen und dann lassen sie einen nicht los, bevor folgende Aussage­sätze aus einem herausgepresst wurden: „In Brasilien gibt es die schönsten Frauen auf der Welt.“, „Der Karneval ist die aufregendste Feier der Welt.“ und „Pelé war besser als Maradonna.“ Über solche Sachen wird in Brasilien eben einfach nicht diskutiert.
Es fällt einem auch relativ schwer zu erklären, warum man in Europa gebrauchte Autos für nur 50 Euro kaufen kann, warum Bananen vergleichsweise billig zu Limetten sind und warum sich viele aufregen, dass es in Teilen Deutschlands Studiengebühren gibt.
In dem Entwicklungsland Brasilien gibt es leider nur wenige staatliche Studienplätze. Wem das große Los verwährt bleibt, muss auf privaten Universitäten studieren, welche auch für europäische Verhältnisse sehr teuer sind. Deswegen bleibt gute Bildung der kleinen reichen Ober­schicht vorbehalten, während die breite Unterschicht nur schwer einen Ausweg aus ihrem Dilemma findet.

ein Reiter am Strand

Shopping-Center und Blechhütten

Es ist die große Diskrepanz zwischen Arm und Reich, die das Hauptpro­blem Brasiliens darstellt. Imposante Shopping-Center gehören genauso wie obdachlose Straßenkinder zum Stadtbild jeder großen Metropole. Wohnhäuser sind einfache Well­blech­hütten oder abgeschottete Fest­ungen. Die oftmals fast schon paranoide Angst vor Kriminalität beeinflusst dabei sehr das Leben der Brasilianer.
Trotzdem bleibt Brasilien ein liebens­wertes Land und wen es einmal in seinen Bann gezogen hat, den lässt es nicht mehr so schnell los.

Christoph Dörr

 

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