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Spurensuche 2007

Ist das die richtige Spur?

Deutsch-tschechische Spurensucher entdecken das Reichensteiner Gebirge

Auch im Jahr 2007 suchten in der zweiten Augusthälfte – schon zum dritten Mal – JUKON, Antikomplex, die Junge Aktion und ein paar freie Mitfahrer nach Spuren, diesmal im tschechischen Teil Schlesiens zu dem Thema religiöse Vielfalt. Eine Woche lang bewegten sich insgesamt 18 Leute aus Tschechien und Deutschland mit ihren Fahrrädern durch die Rychlebské Hory/das Reichensteiner Gebirge. Fahrend, schiebend und Schokolade essend befassten wir uns mit Geschichte und Gegenwart der Grenzregion, ihrer Landschaft und den Menschen, die dort leben.

Tomáš Knopp (rechts)

Wo ist der Ochse?

Die gemeinsame Woche begann am Freitag mit einer Sprachanimation im Kulturzentrum von Javornik/ Jauernig- eine gute Möglichkeit, einen Einblick in beide Sprachen zu bekommen und sich gegenseitig kennen zu lernen. Bei mir blieben außerdem noch lebenswichtige Dinge wie „Kde je vůl? – Tady je vůl!“, „dveře“ oder „šperky“ hängen. Für alle, die noch nicht an solch einer Animation teilgenommen haben, die Übersetzung: „Wo ist der Ochse? - Hier ist der Ochse“, „Tür“ sowie „Schmuck“.
Nach einer geschichtlichen Einführung am Samstagvormittag durch den Historiker Tomáš Knopp wurde das Schloss von Javorník, dem ehemaligen Sommersitz der Breslauer Bischöfe, besichtigt, wobei die Aufmerksamkeit stark durch die wunderbar rutschenden Filzpantoffeln und die immense Pfeifensammlung eingeschränkt wurde. Nachmittags radelten wir eine kleine Runde und besuchten die alte Tanzdiele in Račí Údolí/ Krebsgrund. Wie schon Herr Knopp vormittags gehörte auch Vlasta Osmaníková, die uns etwas über das verfallene Gebäude und ihre Pläne für die zukünftige Nutzung erzählte, der Bürgerinitiative Brontosaurus an, welche sich in der Region Jesenícko/ Freiwaldauer Region unter anderem um die Restaurierung von Denkmälern und Quellen kümmert.

Auf der Suche nach dem Hort

Kirche in Tschechien, Sakristei in Polen

Am Sonntag ging es bei unserer ersten Ganztagestour steinige Bergwege hinauf. Zwischendrin pausierten wir bei den verschwundenen Ortschaften Hříbová/ Pilzberg und Hraničky/ Gränzdorf. Die neuen Spurensucher lernten von den alten die Merkmale verschwundener Ortschaften wie Obstbäume, Mauerreste oder wild wucherndes Gestrüpp kennen und schätzten besonders ersteres auf ihren weiteren Streifzügen über die Wiesen. Nach der Begegnung mit ein paar Aussteigern und einem Althippie, die ihren Sommer allein in den Bergen verbrachten, ging es weiter bergauf bis zur Mittagsrast auf einer Bergwiese, von wo aus wir einen herrlichen Blick auf eine Ebene mit der tschechisch-polnischen Grenze hatten. Zum ersten Mal klangen hier die Schwierigkeiten an, welche die tschechischen und polnischen Nachbarn miteinander haben. Mit einem Bad im See, einem Cukrárna-Besuch, Spielen und vielen Pflaumenbäumen endete der Tag.
Montags fuhren wir von Javornik zuerst nördlich nach Bílá Voda/ Weißwasser, wo sich früher in einem alten Gymnasium ein Konzentrationskloster befand. Dort erfuhren wir von Dóra Svobodová, die von dort stammt, und dem dortigen slowakischen Priester ein bisschen über die Situation der Ordensschwestern im Kommunismus, die Wohnanlage in Bílá Voda und die Geschichte des Ortes. Besonders eingeprägt hat sich die Geschichte der Nonnen, die zeitweise beim Eintritt von der Kirche in die Sakristei ihren Pass zeigen mussten. Durch die Grenzziehung von 1742 lag die Sakristei in Polen.
Danach radelten wir weiter über einen Grenzübergang nach Złoty Stok/ Reichenstein im polnischen Teil Schlesiens. In der Goldgräberstadt, in der auch die Fugger wirkten, wurde eine Runde gedreht und dem alten, eher verfallenen katholischen Friedhof ein Besuch abgestattet.
In der historischen Festungsstadt Paczków/ Patschkau ließen wir uns später von Christian Herkt die Potenziale der Region, besonders im Bezug auf Tourismus, erklären. Er betonte die Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen den polnischen und tschechischen Regionen an der Grenze, die alleine nicht so erfolgreich werden können, wie es durch Kooperation möglich wäre.  Dieser Gedanke blieb und gab auf der Rückfahrt über Bernatrice/ Barzdorf, als wir wieder die Grenze überschritten, Anlass zu Gesprächen.

Msgr. Anton Otte erzählt die Geschichte von Vidnava/Weidenau

Das Wetter stoppt uns nicht 

Am Dienstag verließen wir die Taverna, unser Quartier der ersten Tage in Javorník und fuhren Richtung Osten. Unterwegs trafen sich in einem Wettstreit an der Schillereiche die Damen Klaus und Kaczynski mit ihren Abgeordneten, um in Ruhe über ihre Länder und Europa wett-zu-streiten. Die polnische Gruppe gelangte nach einem knappen Sieg in Besitz des wunderbaren Wanderzwergs, welcher nun bis zum nächsten Mal bei ihnen verweilen wird.
In Vidnava/ Weidenau trafen wir auf Msgr. Anton Otte, welcher uns seinen Geburtsort zeigte. Nachmittags ging es Hügel auf- und abwärts, bis die pädagogische Lüge (bekannt aus den Vorjahren; sie bedeutet zum Beispiel, eine in Aussicht stehende Steigung als flach anzupreisen) eine völlig neue Dimension bekam: der vorausgesagte furchtbare Berg vor unserer neuen Herberge in Dolní Údolí/ Niedergrund, für den alle Kräfte mobilisiert waren, blieb aus. Die Enttäuschung darüber hielt sich in Grenzen.
Am Mittwoch ließen wir vormittags die Fahrräder stehen und stiegen auf die Kaiser Franz Josef Warte auf der Biskupská Kupa/ Bischofskuppe. Trotz Eisregen und Sturm, welche eingesetzt hatten, nachdem wir unsere Fahrräder allein ließen, bewunderten wir die Aussicht, ahnten nur, wo Krnov/ Jägerndorf, Nysa/ Neisse und Wrocław/ Breslau lagen, und ließen uns vom Chef der Warte Geschichten von der Grenze erzählen.
Am Nachmittag zogen wir zum letzten Mal mit den Rädern los und besuchten die Wallfahrtskirche Maria Hilf bei Zlaté Hory/ Zuckmantel. Dort fand eine tschechisch-deutsche Messe statt. Das anschließende Gespräch mit Pfarrer Stanilav Lekavy, der uns von seinem Leben und seiner Berufung in der Zeit des Kommunismus erzählte, war für viele ein Höhepunkt der Woche. Thematisch angeschlossen daran wurde abends in einer Gesprächsrunde mit Anton Otte: hier ging es noch einmal um die Rolle und Möglichkeiten der Kirche in der kommunistischen Tschechoslowakei.

Und jetzt Jungs auf drei...

Auf dem Friedhof

Als nette Abwechslung zum Drahtesel lernten wir am Donnerstag die Schmalspurbahn kennen, welchen uns von Třemešna/ Röwersdorf nach Osoblaha/ Hotzenplotz brachte. Mit Pavel Kuča und dem evangelischen Diakon Horst Kaller sowie drei Freiwilligen suchten wir im Zentrum des Ortes Hinweise auf sein altes Aussehen. Dieses stellte sich als sehr schwierig heraus, da im Zweiten Weltkrieg die Front durch den Ort verlief und die meisten alten Gebäude zerstört wurden. Spuren ließen sich auf dem jüdischen Friedhof finden, auf dem immerhin noch 300 von einst 1000 Grabsteinen erhalten waren. Pavel Kuča, der die Restauration der Jägerndorfer Synagoge organisiert hatte, zeigte uns die Inschriften der Steine und erklärte ihre Bedeutung.
Nach dem Mittagessen ging es weiter nach Česka Ves/ Neudörfl, wo Horst Kaller und Pavel Kuča im zweiten Jahr ein Projekt auf dem alten evangelischen Friedhof organisierten. Verwundert waren wir etwas über das große Medieninteresse, welches durch das Projekt der zwei Männer hervorgerufen wurde, und uns die Ehre einbrachte, durch die tschechische Bild-Zeitung Blesk abgelichtet zu werden. Gemeinsam mit verschiedenen Medienvertretern und allen Nachbarn, einigen Mitarbeitern und einem Vertreter der Sudetendeutschen Jugend endete der Arbeitstag mit einem Abendessen am Lagerfeuer.
Plötzlich war wieder Freitag, die Woche war vorbei und es kam die Zeit heimzufahren. Es war ein komisches Gefühl, wieder Abschied zu nehmen und nach so viel Bewegung wieder einen ganzen Tag im Auto zu verbringen. Ein paar Tage später hielt ich es nicht mehr aus, schnappte mir ein Fahrrad, Schokolade und fuhr los.

                                                                                             Maria Krause
                                                                     

Artikel aus Prager Zeitung vom 30.8.2007

Super-Special!!!

Dank "Google Earth" besteht die Möglichkeit die Routen der diesjährigen
Spurensuche am Computer nachzuvollziehen. Hierzu muss man folgende Datei
öffnen und auf dem Computer "Google Earth" installiert haben.