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Wie die Junge Aktion mein Leben verändert hat

Holle in einer Prager Straßenbahn

aus: JA-Heft 2/2006

Die ersehnte Anmeldebestätigung
„Ja, der Brief ist da!!!“ Ich öffne das sehnlichst erwartete Dokument und fördere eine DIN A-4-Seite zu Tage. Die darauf gedruckten Zeilen erzeugen ein Gefühl, welches irgendwo zwischen Euphorie, Freude, Angst, Ungewissheit, Erfahrungssucht und großen Erwartungen angesiedelt ist. Genau kann ich das in diesem Moment nicht einordnen. Mir ist noch nicht klar, dass dieser Brief und alles, was darauf folgen sollte, gehörig Wirbel und Aufregung in mein Leben bringen sollte.

Tschechien ohne Tschechen?
Knappe drei Monate später steige ich aus einer überfüllten Straßenbahn der Linie 7 auf die Straße im Prager Viertel Nové Město. Es ist für meine Begriffe empfindlich kalt, doch immerhin habe ich mir von einer netten tschechischen Freundin einen Schal borgen können, da ich meinen in frühlingshafter Vorfreude zuhause vergessen hatte. Prag, die Stadt, in der ich die nächsten mindesten 4½ Monate verbringen werde... An diesem Morgen besuche ich zum ersten Mal den tschechischen Intensivsprachkurs; den Brief mit der Anmeldebestätigung immer noch im Rucksack.
Neu und unbekannt war für mich, dass mir ohne besondere Angabe von Gründen meine Besichtigungstermine für die Wohnungen abgesagt wurden und ich schon dachte, ich würde die Zeit meines Aufenthaltes unter der Karlsbrücke verbringen. Glücklicherweise fand ich eine nette WG, „leider“ mit einem Deutschen und einer Österreicherin. Dabei wollte ich doch so gerne mit Tschechen zusammenziehen. Naja, schade.Der Sprachkurs führt mich auch nicht großartig mit den Einheimischen zusammen. Zwar bin ich von Franzosen, Mazedoniern, Japanern, Spaniern und Chinesen umgeben, aber ein Tscheche ist trotzdem nicht in meinem Kurs, was mich wirklich wundert, da ich feststellen muss, dass Tschechisch absolut nicht einfach ist. Immerhin, meine qualifizierte Lehrerin ist Muttersprachlerin und so lernte ich in den ersten Wochen die Grundlagen der tschechischen Sprache kennen. Gleichzeitig bietet mir diese Stadt Tag für Tag die Möglichkeit, sie zu verbessern.

Blick vom Letná-park über die Altstadt. Holle mit Jitka

Selbstvertrauen durch die sprachlichen Fähigkeiten
In den ersten Monaten habe ich mit Tschechen nicht viel zu tun, da die meisten Menschen, die mir begegnen, wie ich, Ausländer sind. Die Kontakte in der Stadt beschränken sich auf die Geschäfte und Situationen, wie z. B. der Kauf der Vierteljahreskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel. Mein Tschechisch verbessert sich zwar zusehends, aber anscheinend ist es noch nicht so gut, denn konsequent wird mir in Geschäften auf Englisch geantwortet, worauf ich hartnäckig mit Tschechisch kontere. Man merkt doch, dass Prag eine internationale Stadt ist.
Die Tage und Wochen ziehen ins Land, ich lerne jeden Tag neue schöne Flecken dieser Stadt und unterschiedlichste Menschen kennen. Sind die tschechischen Freunde auch noch rar, man hat viele Situationen, in denen man doch auf nur tschechisch sprechende Menschen trifft und diese Situationen häufen sich mit jedem Tag. Egal ob ich im Restaurant das gute, tschechische Essen bestelle, in der Disco gegen den Lärm der Musik mit der Bedienung was abklären muss oder in der Kletterhalle der netten Dame am Eingang klarmachen will, dass ich meine Sporthose vergessen habe und frage, ob sie zufällig eine hat: Ich komme mit Menschen in Kontakt. Das ist am Anfang nicht leicht. Ist man erstmal in einem Land, dessen Sprache man nicht wirklich beherrscht, so merkt man schnell, dass viel Selbstvertrauen durch die sprachlichen Fähigkeiten zustande kommt. Mir geht es so und ich muss mich oft bei alltäglichen Dingen überwinden, die in Deutschland völlig problemlos zu lösen gewesen wären.

Praktikum und andere Schwierigkeiten
Nach vier Monaten habe ich mich in meiner neuen Heimatstadt schon eingewöhnt und meinen Sprachkurs mit sehr gutem Erfolg abgeschlossen. Somit vermeintlich bestens gerüstet, starte ich ein sechswöchiges Praktikum in einer Firma für Veranstaltungstechnik und bekomme da mit einem Schlag, was ich mir die Monate zuvor schrittweise gewünscht habe: Acht Kollegen, von denen zwei ein bisschen Englisch können, mit denen ich zehn Stunden pro Tag verbringe. Ich werde bezüglich meiner Tschechischkenntnisse schnell eines Besseren belehrt und fühle mich nach der ersten Woche Arbeit wie ein absoluter Idiot. Viele meiner Kollegen sind wohl das erste Mal mit einer Person konfrontiert, die nicht unbedingt ihr Sprachniveau aufweist und reagieren auf mein mehrmaliges Nachfragen oft ungeduldig und haben auch sonst keine große Lust, mich in irgendeiner Weise zu integrieren. Ich überstehe die ersten fünf Tage mit Ach und Krach und fahre an diesem Wochenende in ein kleines Dorf ca. 60 km südlich von Prag zu einer deutsch-tschechischen Begegnung. Die Ereignisse der letzten Tage haben mich ziemlich frustriert und ich bin froh, dass ich dieses Wochenende mit sehr offenen und geduldigen Tschechen verbringen kann.

Holles Lieblingsplatz im Letná-Park

Neuen Mutes
Von den zwei Tagen gestärkt gehe ich die zweite Woche meines Praktikum mit neuem Mut an und merke, dass es mit den Kollegen von Tag zu Tag besser läuft. Was dann die nächsten vier Wochen passiert, kann ich guten Gewissens als den Sommer meines Lebens bezeichnen. Ich fahre auf vier Festivals als Techniker mit, habe nur tschechische Kollegen und treffe so viele Menschen aus diesem Land, die mir zeigen, dass meine Liebe zu Tschechien und den Leuten begründet ist. Herzlichkeit, Offenheit, Interesse, gemeinsamer Spaß, eine Engelsgeduld, selbst in Stresssituationen, und viele Dinge mehr zeigen mir, dass ich mit Prag die beste Entscheidung getroffen habe.

Reicher Erfahrungsschatz
Ich habe von dieser Zeit eine Menge mitgenommen, viel gelernt und bin einiges an Erfahrung reicher. Leider gab es auch manches unschöne Erlebnis: der pöbelnde, tschechische Rechtsradikale in der Straßenbahn, Mittellose, die in Randgebieten der Stadt in alten, verfallenen Hütten leben, andere Menschen, die sich und die Hoffnung auf ein normales Dasein schon aufgegeben haben und Tag für Tag betrunken auf den Straßen verbringen.
Natürlich waren das ebenso Erfahrungen und sie haben mich und meine Einstellung zum Leben weiter geprägt. Ich möchte diese Dinge nicht missen, doch was bleibt, sind die schönen Erinnerungen an eine schöne Zeit in einer wunderschönen Stadt.

Den Schritt gewagt
Die JA war der Grund dafür, dass ich diesen Schritt und mich in ein, im Grunde mir unbekanntes Land gewagt habe. Dank der vielen Begegnungen der letzten Jahre.
Und ich will noch immer mehr. An einem lauen Juli-Tag im Letna-Park über der Stadt sitzen, vor mir ein kühles tschechisches Bier, mit Freunden reden und langsam zusehen, wie die Sonne unter- und das Lichtermeer angeht, die Geräuschkulisse von 300 anderen Menschen, die um mich herum sitzen und wahrscheinlich gerade das selbe fühlen wie ich, das möchte ich in meinem Leben noch gerne öfters erleben.
Und so bin ich sicher, dass mich mein Weg wieder nach Tschechien führen wird, mit welchem Ziel auch immer, auf jeden Fall mit einer Menge noch ungestillter Neugierde und vielleicht mit einem Brief in der Tasche.

Martin Neudörfl