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Ein Sudetendeutscher Tag bald in Böhmen?

Die Junge Aktion veranstaltete auf dem diesjährigen Sudetendeutschen Tag in Nürnberg eine Anhörung, in der nach Chancen und Rahmenbedingungen einer solchen Veranstaltungen gefragt wurden. Von dieser Diskussion berichtet Markus Bauer.

Die Idee war vom Sprecher der Landsmannschaft MdEP Bernd Posselt sowie vom Geschäftsführer des Adalbert Stifter Vereins Dr. Peter Becher in den vergangenen Jahren schon angedeutet worden: ein Sudetendeutscher Tag in naher Zukunft in Böhmen. Die Junge Aktion der Ackermann-Gemeinde nahm den Faden auf und bot beim Sudetendeutschen Tag die Veranstaltung „Sudetendeutscher Tag 2011 in Nordböhmen? Eine erste Anhörung“, zu der 100 Interessenten kamen und viele Teilnehmer aktiv mitdiskutierten. Einer solchen Veranstaltung in Tschechien waren die meisten nicht grundsätzlich abgeneigt. Allerdings bedürfe es noch einiger Vorbereitung und eines Wandels der Stimmung der tschechischen Bevölkerung, um diese auch dafür zu gewinnen.

Gemeinsam mit ihrer tschechischen Partnervereinigung Antikomplex hatte die Junge Aktion (JA) die Veranstaltung vorbereitet. Der JA-Bundessprecher Sebastian Kraft verwies in seiner Begrüßung auf die Äußerungen von Bernd Posselt im Jahre 2001 und von Dr. Peter Becher nach dem letzten Sudetendeutschen Tag in Augsburg, die sich für 2005 bzw. 2017 einen Sudetendeutschen Tag in Tschechien vorstellen konnten. Kraft sah diese Vision auch als „Zeichen der Heimatverbundenheit und der Selbstverständlichkeit der Zusammenarbeit von Sudetendeutschen und Tschechen.“ Konkret wurden die Teilnehmer gefragt: „Würden Sie zu einem Sudetendeutschen Tag nach Tschechien fahren?“ Darauf  sollte die Veranstaltung Antworten geben - und „einen Trend, der in den nächsten Monaten weiter zu verfolgen wäre“, so Kraft zu den Intentionen der Veranstaltung.

Ond?ej Mat?jka bei seiner Rede

Die Rahmenfaktoren für einen Sudetendeutschen Tag in Reichenberg/Liberec skizzierte Ondřej Matějka von Antikomplex. Seiner Meinung nach ist es ein langer Prozess, bis ein Sudetendeutscher Tag in Böhmen stattfinden könne. Grundsätzlich aber müssten sich die Sudetendeutschen selbst klar sein, ob sie es wollen oder nicht. Für die Umsetzung könnte  auch eine andere Stadt in Erwägung gezogen werden. Doch „Reichenberg war Jahrzehnte lang die wichtigste Stadt des deutschen kulturellen Lebens in Böhmen“, schilderte Matějka und nannte entscheidende Faktoren der 100.000 Einwohner zählenden Stadt, die durch  Industrie, Technische Universität, Architektur, Sport und die Natur bekannt sei. Nach 1989 hat sich Reichenberg zur Unternehmerstadt entwickelt, in den 90er Jahren einen Wirtschaftsaufschwung verzeichnet und sich zu einer der größten Industrieregionen in Tschechien entwickelt. Die Eignung für Großveranstaltungen beweist die Vergabe der Nordischen Ski-WM im Jahre 2009. Autobahnverbindungen nach Prag und Deutschland gibt es ebenso wie Hotelkapazitäten und eine moderne Mehrzweckhalle mit 8750 Plätzen. Speziell für einen Sudetendeutschen Tag spricht die Öffnung zur deutschen Geschichte und Kultur wie etwa das seit 1991 bestehende deutschsprachige Gymnasium, der „Bau der Versöhnung“ mit neuer Bibliothek und Synagoge, die Partnerschaft mit Augsburg, die Kontakte zwischen dem Bund der Deutschen und dem Heimatkreis Reichenberg sowie regelmäßige deutsch-tschechische Kulturtage. „Die Stadt Reichenberg hat keine Probleme mit dieser Seite der Geschichte“, stellte Matějka fest. Er war sich aber nicht sicher, ob die Tschechen eine solche Veranstaltung wollen. Im Vorfeld seien weitere Fragen zu stellen: Könnte ein Sudetendeutscher Tag in Böhmen gleich verlaufen wie in Deutschland? Was wäre die wichtigste Botschaft in Böhmen? Besteht die Bereitschaft, nach gemeinsamen Themen mit den Tschechen zu suchen? Zur letzten Frage schlug der Antikomplex-Vertreter die gemeinsame Pflege des deutschen Erbes der böhmischen Länder vor, zum Beispiel die Bewahrung und Systematisierung von Kulturgütern.

Informelle Gespräche nach der Veranstaltung: Ackermann-Gemeinde- Bundesgeschäftsführer Matthias Dörr (v.l.), Franz Olbert, MdEP Milan Horá?ek und MdL Rudolf Friedrich.

In der Diskussion wurden ganz unterschiedliche Argumente genannt. Adolf Reschka etwa aus Weimar meinte, dass es noch ein langer Weg bis zu einem Sudetendeutschen Tag in Böhmen sei. Als Anfang in dieser Richtung bzw. zur Vorbereitung schlug er einen „Tag daheim“ vor, an dem alle mobilen und in Böhmen geborenen Landsleute ihre Heimatorte besuchen könnten - als Freunde der jetzt dort lebenden Tschechen. „Es sollte keine Invasion sein, sondern eine Veranstaltung von Leuten, die ihre Heimat lieben und Europa als Zusammenschluss von Bürgern vieler Nationen sehen.“

Ein Nordmährer der Bekenntnisgeneration hatte Bedenken hinsichtlich der Bezeichnung „Sudetendeutscher Tag“. „Die Veranstaltung muss auf eine höhere Ebene gebracht werden, wo wir uns auf Gemeinsamkeiten einigen können, auf gemeinsame Überthemen“, schlug er vor und nannte das gemeinsame europäische Haus, die gemeinsame Kultur und als Beispiel die heilige Agnes als verbindendes Element der christlichen Wurzeln. Weitere Teilnehmer verwiesen auf zukunftsweisende Themen wie die Völkerverständigung oder die Nachbarschaft in Mitteleuropa.

Der Europaabgeordnete Milan Horáček wie auch der hessische Landtagsabgeordnete Rudolf Friedrich sehen noch viel Vorbereitung. Horáček fordert vor allem „ein strukturiertes Vorgehen auf allen Ebenen“ - auch um die Idee noch weiter zu entwickeln und „die jetzt dort ansässigen Tschechen darauf vorzubereiten.“ Friedrich schlug vor, alle existenten  positiven Begegnungen als Beispiele von Kontakten auf der unteren Ebene zusammen zu fassen. „Eine Voraussetzung muss sein, dass man willkommen ist. Man muss eine Einladung erwarten können“, ergänzte Friedrich und empfahl allen sudetendeutschen Gremien, sich mit dieser Vision zu beschäftigen. Eine Dokumentation von rund 500  grenzüberschreitenden Projekten schlug Dr. Eva Habel, die scheidende Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, vor. Sie hält es für wichtig, vor allem die Jugend zu gewinnen.

„Ich hoffe, dass das noch im Laufe meiner Amtszeit geschieht“, beurteilte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe Bernd Posselt die Chancen eines Sudetendeutschen Tages in Böhmen. Für ihn soll eine solche Veranstaltung „die Menschen zusammenführen und keinen neuen Konfliktstoff bringen“. Auch Posselt wies auf die positiven Erfahrungen der vielen Heimattreffen hin und schlug einen „Beginn mit Teilveranstaltungen“ vor - etwa ein Pfingstmontag, früher der letzte Tag des Sudetendeutschen Tages, in einer Stadt in Tschechien. „Ich würde mich freuen, wenn die Tschechische Republik uns zu einem Sudetendeutschen Tag einladen würde. Das wäre ein immaterieller Schritt zur Annäherung und Wiedergutmachung“, fasste Posselt zusammen.

Franz Olbert, Geschäftsführer des Sozialwerkes der Ackermann-Gemeinde, hielt es für wichtig, diese Idee zunächst mental zu verarbeiten. Er warnte vor Pauschalierungen bei den Tschechen wie auch bei den Sudetendeutschen. Einen konkreten Anknüpfungspunkt stellen für ihn die deutsch-tschechischen Wallfahrten dar, als verbindendes Thema  hält er „Mitteleuropa“ für angebracht. Ähnlich äußerte sich der Geistliche Beirat der Ackermann-Gemeinde, Monsignore Anton Otte, der einen Gottesdienst als verbindendes Element ansieht. Die dort wohnenden Tschechen sind für ihn am ehesten mit einer Eucharistiefeier für eine solche Veranstaltung anzusprechen und zu gewinnen. Der Bundesgeschäftsführer der Ackermann-Gemeinde Matthias Dörr fragte nach den Alternativen bzw. dem heutigen Status des Sudetendeutschen Tages. „Gibt es eine neue Form? Die Leute interessiert das Konkrete und Kulturelle. Das sind die verbindenden Elemente, auch zu den ehemaligen Deutschen in Tschechien. Diesen Schritt muss man irgendwann gehen“, lautete Dörrs Forderung. Dass andere Heimatvertriebenen diesen Weg schon gegangen sind, beschrieb Dr. Ortfried Kotzian, Geschäftsführer des Hauses des Deutschen Ostens, anhand der Buchenlanddeutschen, die erstmals 2001 ihr Treffen in der Bukowina (Rumänien) abgehalten haben. Er ermunterte die Teilnehmer: „Wir Sudetendeutsche müssen wieder mal lernen, wieder etwas ausprobieren. Wir müssen eine einladende Wirkung erzeugen - interessant und einladend für Bayern, Böhmen, Mährer und Schlesier!“

Auf die Bedeutung eines gemeinsamen Gottesdienstes wies der Geistliche Beirat der Ackermann-Gemeinde Monsignore Anton Otte hin.

In weiteren Wortmeldungen war vom ungebrochenen Nationalismus in Tschechien die Rede (zum Teil negative Erfahrungen mit dem Umgang seitens Tschechiens mit der deutschen Vergangenheit) oder der Unmöglichkeit eines solchen Unternehmens, solange dort noch die Benes-Dekrete gelten. „Die tschechische Bevölkerung wird nicht begeistert sein“, meinte eine Vertriebene Jahrgang 1939.

Ondřej Matějka nahm die Gedanken auf und ermutigte die Sudetendeutschen, „sich zu öffnen, etwas Neues auszuprobieren.“ Die Situation in seinem Heimatland hielt er nicht so schlecht wie in einigen Statements beschrieben wurde. Man müsse diesen Prozess jetzt  beginnen. Die Politiker in Reichenberg würden der Idee positiv gegenüber stehen. „Das Wagnis ist heute realistisch. Die Sudetendeutschen müssen diesen Schritt mitmachen und vor allem den Ehrgeiz der schnell reicher werdenden Städte, den lokalen Patriotismus ausnützen“, riet der Antikomplex-Vertreter. JA-Bundessprecher Sebastian Kraft appellierte, mit Blick auf Posselt und Friedrich, den Prozess in Bewegung zu setzen.

Fotos: Markus Bauer