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Winterwerkwoche 2008/2009

Perspektive eines Neulings

Eigentlich ziemlich verrückt: ich fahre mit meiner Schwester in ein Land, dessen Sprache ich nicht verstehe, zu einer Veranstaltung mit Leuten, die ich nicht kenne, in einen Ort wo ich noch niemals war. „Winterwerkwoche“, „Junge Aktion“, Kloster, …

Der gemütliche Bummelzug hält am spartanischen Bahnhof  des beschaulichen Örtchens Jablonné v Podještědí. Die große Kirche ist schnell gefunden, wo aber ist dieses Kloster, von dem die Rede war…? Wir folgen dem Rat unseres „Tschechien-Reiseführers“: „Die Tschechen sind ausgesprochen gastfreundlich. Probieren Sie es aus und stellen Sie sich mit fragendem Gesicht und aufgeschlagenem Stadtplan auf eine Straße. Vielleicht nicht gerade in einer Touristenstadt. Aber auf dem Land und in kleineren Städten wird Ihnen bestimmt von jemandem Hilfe angeboten.“ Leider hatten wir damit keinen Erfolg, aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.

Doch da erblicke ich, direkt vor dem ehrwürdigen Gotteshaus: ein Auto, deutsches Nummernschild, voll geladen mit Essen – hier sind wir richtig! Und tatsächlich - kurz darauf kommt ein dynamischer junger Herr namens Sebastian auf uns zu und begrüßt uns herzlich. Das Kloster, unscheinbar hinter einer Mauer versteckt, hätten wir wahrscheinlich nie gefunden. Im Hof des Klosters werden wir herzlich begrüßt. Fröhliche Gesichter stellen sich vor, Umarmungen, ansteckende Freude. Alle helfen freundlich beim Gepäckhochtragen. Ein Schäferhund beschnuppert uns.

Innen ist es recht kühl, Gewölbe an der Decke, Kruzifixe und Heiligenbilder, kurz: echte Kloster-Atmosphäre. Die Zimmeraufteilung geht schnell von statten, selbstverständlich keusch getrennt, aber dafür international: insgesamt 26 Teilnehmer aus 3 verschiedenen Ländern; die meisten aus Tschechien, einige Deutsche und Cord, ein Austauschschüler aus den USA.

Beim gemeinsamen Abendessen helfen alle. Es gibt diese leckeren tschechischen Hörnchen, Rohliky. Danach folgt die obligatorische Vorstellungsrunde in angenehm ungezwungener Atmosphäre. Währenddessen trudeln noch die restlichen Teilnehmer ein. Namen konnte ich mir aber sowieso noch nie merken… Am Abend versammeln wir uns dann noch in der kleinen Kapelle zur Andacht und singen tschechische, deutsche und englische Lieder aus den sichtlich oft und gern genutzten „Banana“- Liederbüchern. Pavel, Maruška und Kristýna begleiten uns auf der Gitarre. Nach dem Abendsegen lege ich mich aufs Ohr.

Am nächsten Morgen stehe ich etwas früher auf, denn ich habe mich freiwillig zur Frühstücksvorbereitung gemeldet. Nach dem Frühstück beginnen wir den Tag wiederum mit einer kleinen Andacht. Als nächstes beginnt die Einführung ins eigentliche Thema: In zwei Gruppen erarbeiten wir die Ereignisse und Hintergründe der Friedlichen Revolution in der DDR und der Samtenen Revolution in der ČSSR 1989. Die Ergebnisse stellen wir uns gegenseitig vor und Sebastian ergänzt diese durch kurze historische Fernsehsequenzen.

Nach dem leckeren Mittagessen sprechen wir mit Rudolf Meinl, der die DDR und die Wende selbst miterlebt hat. Er erzählt uns eigene Erlebnisse aus seiner Kindheit, Jugend und seinem Berufsleben, schildert den Alltag, die Wohnsituation, die Kontrolle durch die Staatssicherheit und die Mangelwirtschaft, sowie die schwierige Situation der Kirche in der DDR. Dabei übersetzt Kristýna unermüdlich für die tschechischen Teilnehmer.

Am späteren Nachmittag lädt Martin uns zu einem kleinen Spaziergang ein. Die schöne Umgebung des Ortes ist im Lichte der untergehenden Wintersonne besonders reizvoll. In einem kleinen Bach schwimmen Forellen, auf einem zugefrorenen See laufen Kinder Schlittschuh. Wir kommen an eine Quelle, an der die heilige Zdislava einem blinden Jungen das Augenlicht wiedergeschenkt haben soll. Da es bereits dämmert, machen wir uns wieder auf den Heimweg. Auf das wohlschmeckende Abendessen folgt die besinnliche Abendandacht. Als Abschluss des Tages sehen wir in gemütlicher Heimkino-Atmosphäre den preisgekrönten Film „Good Bye Lenin“ an, der die Stimmungen der politischen Wende in der DDR sehr anschaulich und unterhaltsam wiedergibt.

Die Morgenandacht, wie immer von Rebecca und Kristýna in zwei Sprachen gehalten, belebt Seele und Körper gleichermaßen: Bewegungslieder machen auch die letzten Morgenmuffel munter. Dann beginnen wir mit Arbeit an den Kalendern. Jeweils zwei bzw. drei Leute gestalten einen Monat mit verschiedenen Aspekten der Friedlichen und der Samtenen Revolution. Es sollen insgesamt 40 Exemplare entstehen. Der Internet-Anschluss des Klosters ist eine große Hilfe.

Zum Mittagessen bekommen wir unerwarteten Besuch: Sebastian hat die deutschen Touristen, die, wie sich herausstellt, Freunde der Ackermann-Gemeinde sind, vor der Kirche aufgegabelt und zum Essen eingeladen. Sie würdigen die Pilzsuppe und verabschieden sich wieder.

Am Nachmittag basteln wir zunächst weiter an den Kalendern, sammeln Bildmaterial, entwickeln Ideen und tauschen uns aus. Das gute Wetter nutzen wir indessen zu einer Wanderung zum Schloss Lemberk, welches aber leider geschlossen hat. Dafür genießen wir die winterlich schöne Landschaft. Auf dem Rückweg kommen wir an einem Haus vorbei, an dessen Wand dutzende Fischkopf-Trophäen hängen. Nach dem Abendessen und der abendlichen Andacht führt uns Bruder Ignatius zu später Stunde noch durch die Kirche. Wir steigen auch in die Krypta hinab und besichtigen die ungeahnten Gewölbe unter der Kirche, in denen neben vielen anderen großen und kleinen Särgen die Heilige Zdislava zur letzen Ruhe gebettet ist.

Der Silvester-Vormittag steht ganz im Zeichen des Bischofsbesuches. Die Morgenandacht nutzen wir, um die Lieder für den Gottesdienst zu üben. Mons. Jan Baxant, der neue Bischof von Litoměřice (Leitmeritz), feiert mit uns, den Brüdern und Schwestern, sowie der Gemeinde von Jablonné einen deutsch-tschechischen Gottesdienst. In seiner Predigt erinnerte er uns daran, dass wir alle Kinder Gottes sind. Einige von uns fungieren als Ministranten. Im Anschluss kommen wir bei Tee und Keksen mit ihm ins Gespräch, er spricht ziemlich gut deutsch. Sebastian überreicht im Namen der Ackermann-Gemeinde und der Jungen Aktion Geschenke, u. a. ein neues JA- T-Shirt. Auch Miloš Raban, der geistliche Beirat der Jungen Aktion, ist anwesend. Trotz der Kälte und des Windes stellt sich der Bischof mit uns vor der Kirche zum obligatorischen Gruppenfoto auf. Dann muss er leider schon wieder weiter.

Auf das schmackhafte Mittagessen folgt harte Arbeit, die Kalender sollen noch vor dem Silvesterabend fertig werden. Unermüdlich arbeiten wir, beim Zusammenheften der Kalender locht sich Martin auch noch in den Finger. Endlich sind dann aber doch alle fertig und zur Belohnung gibt es leckere Pizzataschen.

Der späte Abend gehört dem Ball. Bei Tanzmusik, einem üppigen Buffet und einigen lustiges Spielen kommt Stimmung auf. Das unterhaltsame JA-Schauspiel stellt uns auf originelle Weise die mysteriöse „Selbsthilfegruppe“ vor. Direkt danach wird ein Lied für die Verantwortlichen gesungen und sie bekommen alle ein Marzipanschweinchen. Hilfe, es ist ja schon fast 12! Eilig gießen wir Champagner in die Gläser und stoßen an. Auf uns, auf die tschechische EU-Ratspräsidentschaft, auf die Junge Aktion, auf die deutsch-tschechische Freundschaft, auf ein gutes 2009! Und nicht zuletzt auf die Euroeinführung in der Slowakei.

Auf dem Marktplatz gibt es ein spektakuläres Feuerwerk. Wir lassen es uns nicht nehmen, auf dem Marktplatz unter der beleuchteten Weihnachtstanne einige deutsche und tschechische Lieder zum Besten zu geben – die kleine Stadt erlebt eine wahrhaft europäische Neujahrsnacht. Zurück im Kloster halten wir eine nächtliche Andacht mit besinnlichen Worten von Kristýna und Rebecca. Mit Musik, Gesprächen, dem Vertilgen des Buffets und dem Unterschreiben der Kalender lassen wir die Nacht ausklingen. Irgendwann, als der Morgen graute, gehen auch die letzten ins Bett.

Am nächsten Morgen machen sich viele schon früh auf den Heimweg. Die übrigen JA-ler räumen fleißig auf. Mit Wunderkerzen verabschieden wir dann Martin und Sebastian. Nachdem wir dem Bruder Ignatius „Lebewohl!“ und „Gott vergelt´s!“ gesagt haben, gehen wir zum Bahnhof. Schweren Herzens nehmen wir Abschied von Kristýna und Rebecca, dem Kloster und dem beschaulichen Örtchen Jablonné, den Liedern, der Gemeinschaft und all den lieben Menschen, welche uns die letzten Tage zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließen. Es ist nicht auszuschließen, dass meine Schwester und ich früher oder später mal wieder bei einer Veranstaltung der Jungen Aktion auftauchen werden…

Matthias Bellmann