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Stolperstein - Brückenbauer? Minderheiten in Mittel- und Osteuropa

Hin- und hergerissen

aus dem JA-Heft 2/2010:

Warum beschäftigen wir uns als Junge Aktion überhaupt mit dem Thema Minderheiten?

Vor über 60 Jahren, noch bevor es die JA gab, lebten unsere Gründer als Minderheit in der Tschechoslowakei, als Sudetendeutsche. Mit den geschichtlichen Entwicklungen bis hin zum Zweiten Weltkrieg eskalierte das Zusammenleben mit den Sudentendeutschen. Der Krieg, Flucht und Vertreibungen waren die Folge. Aus diesen Erfahrungen heraus haben sich die Gründer der Jungen Aktion schon 1950 dafür eingesetzt, und wir tun das heute noch, dass es zu solchen Entwicklungen nicht mehr kommt. Daher beschäftigen wir uns immer wieder mit Problemen des Zusammenlebens von Mehrheit und Minderheiten, und mit Minderheitenrechten. Denn es waren in der Vergangenheit meist Minderheitenkonflikte, die zu Krieg und Vertreibung geführt haben.

Ich bin Minderheit

Als Katholikin in Berlin gehöre ich einer Minderheit an, kleiner noch als die Gruppe der Muslime oder der Protestanten. Während ich in Würzburg aufwuchs war ich als Katholikin „gewöhnlich“, der Durchschnitt sozusagen – die Protestanten waren damals die Anderen. Ohne mich selbst verändert zu haben wurde ich vom Teil der Mehrheit zur Minderheit. Minderheit kann jeder sein. Deshalb ist es wichtig sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Minderheiten in Deutschland, Tschechien und der Slowakei

Auf unserer jährlichen Osterbegegnung in Rohr haben wir – junge Deutsche, Tschechen und Slowaken – uns mit dem Thema „Minderheiten“ intensiv beschäftigt. Dazu sprachen wir in verschiedenen Arbeitskreisen über Minderheiten. Uns wurde erst einmal bewusst, dass Minderheiten ganz normal sind. In Deutschland gibt es z.B. vier anerkannte Minderheiten: Sorben, Roma und Sinti, Friesen und Dänen. Aber auch in Tschechien, der Slowakei, in allen europäischen Staaten gibt es Minderheiten. Gründe hierfür sind Grenzverschiebungen, Kriege, Völkerwanderungen etc. Einen Einblick in diese historischen Gegebenheiten gab uns Prof. Dr. Glassl.

Romakultur Live

Besonders beeindruckend war für uns alle der Kulturabend am Ostersamstag. Dort durften wir Dotschy Reinhardt und Alexej Wagner als Gast begrüßen. Die junge Sinteza Reinhardt las zum einem aus ihrem Buch „Gypsy“ vor, das sehr deutlich machte, wie auch in Deutschland in der Vergangenheit und auch teilweise heute Roma und Sinti an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Anschließend durften wir einen wundervollen Einblick in ihr gesangliches Können erleben. Dadurch konnten wir spüren, wie Minderheiten auch unsere Kultur prägen und wie sie sich selbst in Deutschland wahrnehmen. Es war schön, dass anschließend auch noch Zeit zur Diskussion bestand.

Gottesdienst

Glaube grenzüberschreitend

Besonders schön war es für mich nicht nur alte Freunde wieder zu treffen, sondern viele Bekannte endlich näher kennenlernen zu dürfen bzw. neue Gesichter zu sehen. Sprachbarrieren gab es dabei wie immer keine. Zu erleben, wie der gemeinsame Glaube und die Arbeit an einem geeinten Europa sprachliche Differenzen verschwinden lässt, ist immer wieder wunderbar!

Beispielhaftes „Danke schön“

Exemplarisch möchte ich dafür Verča für ihre Ehrlichkeit, Wolfi für seine Offenheit, Brano für seine Gitarrenkünste, Qendresa für ihr Vertrauen, Marek und Amalie für ihre Deutschkenntnisse, Livia für ihr Lachen und nicht zuletzt euch alle fürs Kommen danken. Ich freue mich bereits auf Ostern 2011. Wir sehen uns in Rohr!

Isabell Klingert

Perspektivenwechsel im Kloster Rohr

Dotschy Reinhardt bei ihrer Lesung

Durch Musik schildert sie ihre Gefühle als Sinteza

Nach dem vorigen Artikel, der euch von dem Gesamterlebnis Rohr erzählt, habe ich jetzt die besondere Freude, euch von einem ganz besonderen Augenblick bei der Politischen Weiterbildungswoche zu berichten, ganz persönlich aus meiner Sicht.

Am Vorabend des Osterfestes haben wir alle einen ganz anderen Zugang zum Thema Minderheiten gefunden: Wir konnten mit Dotschy Reinhardt eine talentierte Musikerin für eine Lesung aus ihrem Buch „Gypsy - Die Geschichte einer großen Sinti-Familie“ und ein kleines Konzert im Prager Saal gewinnen. Dotschy ist Angehörige der Volksgruppe der Sinti, ihre Heimat ist Deutschland. Sie versucht auf faszinierende Art und Weise, Vorurteile zu ihrem Volk abzubauen. Als gläubige Katholikin und begabte Musikerin verwendet sie dafür eine univer- sellle Sprache –die Musik, um ein größeres Verständnis der M e h r h e i t gegenüber ihrem Volk zu schaffen.

Vor ein paar Jahren hat sie sich ents c h i e d e n , ein Buch über ihr Leben als Sinteza in Deutschland zu schreiben, und auch über das Leben ihrer Vorfahren, die extreme Gewalt, Unterdrückung und Diskriminierungen erfahren haben. Bis dahin gab es nämlich fast nur historische Bücher über ihr Volk. Dotschy Reinhardt wollte aber anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie ihre Kultur besser vermitteln. Nun hat sie uns an diesem literarisch-kulturellen Abend im Kloster Rohr aus diesem Buch vorgelesen. Sie beschreibt darin die Gefühle einer Sinti-Familie in Deutschland und unter welchen Umständen sie in einem Ghetto aufgewachsen ist. Aus den Erzählungen ihrer Puri (Oma) vergleicht sie die Lebensbedingungen der älteren Generation mit ihrer eigenen. Die Situation der Sinti hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar verbessert, so schreibt sie, ihre Volksgruppe wird aber nach wie vor als Menschen zweiter Kategorie bezeichnet. Besonders beeindruckend waren die Erzählungen über ihren Großvater. Sie schreibt über die großen Martyrien, die er in den KZs aufgrund seiner Herkunft erleben musste.

Musik als universelle Sprache

Nach der Lesung stand Dotschy Reinhardt noch für Fragen zur Verfügung, die zahlreich gestellt wurden.

Dotschy Reinhards Auftritt bei uns hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir mehr über die Sinti-Kultur erfahren haben und gleichzeitig die Perspektive wechseln konnten. Wir haben erlebt, welche Gefühle und Empfindungen eine intelligente und gebildete junge Frau nur deswegen hat, weil sie in Deutschland zu einer Minderheit gehört.

Maruška Smolková