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Spurensuche 2009: Schluckenauer Zipfel

Wie eine Grenze einen Kulturraum bilden kann
Die fünfte Spurensuche durch den Schluckenauer Zipfel

Die fünfte Spurensuche radelte in diesem Sommer durch den Schluckenauer Zipfel in Nordböhmen. Wir Radwanderer fanden Unterkunft in der Nixdorfer (Mikulášovice) Pension ‚Paradies der Pilger’. Über das Leben in dieser Gegend erfuhren wir auch Dank der freundlichen und offenen Stammgäste der Pension. Nicht einmal die Sprachbarriere stellte ein Hindernis dar. Durch diese Bekanntschaft wurde es uns ermöglicht die wunderschöne Kirche des hl. Nikolaus in Nixdorf zu besichtigen. In der gesamten Schluckenauer Gegend gibt es zahlreiche Patrioten mit und von denen wir vieles Interessantes sehen und erfahren durften Der engagierteste Bewohner - Herr Leksa aus Niedereinsiedel - konnte stundenlang begeistert sowohl von Uhrwerken als auch von der Eisenbahnstrecke an der Grenze erzählen.

Wie Kunstblumen verbinden
Gleich am ersten Tag erblickten wir das schönste Dorf Deutschlands 2001 - Hinterhermsdorf. Die Schönheit wurde aber leider durch eine Überflut aggressiver NPD-Wahlplakate zerstört. Mit der Problematik des Rechtsextremismus befassten wir uns später in der Diskussion mit dem Verband Aktion Zivilcourage in Sebnitz. Sebnitz ist durch eine Besonderheit bekannt: Hausfrauen/-männer schätzen sicher bis heute die nie welkenden, seidenen zierlichen Kunstblumen aus Sebnitz. Mit der Kunstblumenherstellung beschäftigte man sich auch an der böhmischen Seite der Grenze. In Niedereinsiedel trafen wir eine nette Dame, die erzählte, dass sie - noch bevor sie in die erste Schulklasse ging - Kunstblumen anfertigte. Sie gehörte zu den Sudetendeutschen, die nach dem 2. Weltkrieg in ihrer Heimat bleiben durften, weil sie für die Wirtschaft unerlässlich waren.

Zeugen der Vergangenheit
Wie uns ein Tetschener Archivar referierte, gehörte der Schluckenauer Zipfel zu einem der industriereichsten Gebiete in der Donau-Monarchie. Hier wurde außer Autos und Flugzeuge alles hergestellt. Am bekanntesten war die Textilindustrie. Auf deutscher Seite machten sich die evangelischen böhmischen Brüder aus Mähren um eine Rarität verdient - sie begannen die weltbekannten Herrnhuter Sterne zu basteln. Diese Sterne wurden so beliebt, dass sie in der Weihnachtszeit fast jedes Fenster schmücken. Durch die Stadt Herrenhut führte uns ein Mitglied der Böhmischer Bruder, der uns aus der Geschichte der Brüdergemeinde erzählte.

Minderheiten im deutschen Grenzgebiet
Noch am selben Tag trafen wir in Bautzen zwei Vertreterinnen der sorbischen Nationalität, die uns von ihrem größten sorbischen Verband, der Domowina sowie von den sorbischen Schulen und Problemen und Diskriminierung ihrer Minderheit erzählten. Einen großen Eindruck auf uns machten der Schluckenauer Pfarrer Pater Procházka und die deutsche Pastoralassistentin Dr. Habel, die sich nicht nur um die Roma und ihre Probleme kümmern, sondern um alle Menschen, die an die Pfarrtür klopfen. Im Pfarrhaus wartete auch auf uns ein Empfang bei dem wir mährischen Wein kosten konnten.

Alles hat ein Ende..
Die Tragik der Geschichte am Ende des 2. Weltkrieges wurde uns am meisten in den verschwundenen Ortschaften Fugau und Lerchenfeld bewußt. Ein nicht informierter Vorübergehender würde nicht bemerken, was die paar Haufen von Steinen bedeuten. Für die schöne gelungene und bereichernde Woche, in der wir viel Neues lernen durften, bedankten wir uns in einem Abschlussgottesdienst im Rumburger Loretto. Den Abschluss bildete eine Fahrt zum größten Wallfahrtsort in Nordböhmen – Phillipsdorf. Dieser Ort dürfte den meisten Ackermännern und -frauen nicht unbekannt ist.

Alice und Luisa Nedbalová