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Geschichte - ein Monopol der Alten? Junge Zugänge zur deutsch-tschechischen Geschichte

Brauche ich die Alten für meinen Umgang zur Geschichte?

Provozieren war die Idee. Und das ließ sich auch leicht bewerkstelligen. Am Sudetendeutschen Tag an Pfingsten organisierte die Ackermann-Gemeinde eine Podiumsdiskussion zum Thema: „Geschichte – Ein Monopol der Alten?“ Unser JA-Alumni Sebastian Kraft moderierte die Veranstaltung. In den Vorgesprächen wurde mir klar, dass ich Stellung dazu eine klare Position beziehen musste. Ob ich die Alten für meinen Umgang mit der Geschichte brauche. Meine erste Reaktion: Keine Ahnung.

Meine zweite Reaktion: Eigentlich nicht. Es gibt ja genug zu lesen zu dem Thema. Je mehr ich mich im Vorfeld der Diskussion darüber austausche, desto klarer umreiße ich eine neue Position: Wenn mir alte Leute etwas von früher erzählen, wollen sie mir meistens ihre Meinung zu etwas ganz perfide verpackt reindrücken. Soweit also erst einmal die Arbeitshypothese. Arbeitshypothesen wollen umgesetzt werden. Also: Kaum begann die Podiumsdiskussion, schon musste ich Stellung beziehen. Nach dem Motto: Ich brauche die Alten für mein Geschichtsbild nicht. Ich will das Deutungsmonopol über die Geschichte selbst in der Hand halten. Jeder soll sich mit Geschichte identifizieren können und Geschichte nicht politisiert werden. Sprach ich und erntete schon ein paar Stöhner. Macht nichts.

Nächste Runde. Jemand versucht von einem Wortbeitrag abzuleiten, dass unbedingt die Benešdekrete abgeschafft werden müssten. Ich sage Nein. Wozu Symbolpolitik und Politisierung der Geschichte, wenn es den anderen nur weh tut? Die Reaktion folgt bei Fuß. Matthias Dörr nannte es dann „Verlust der Metaebene“. Das mag sein. Auf jeden Fall sahen sich viele Alte berufen, meine falsche Sicht der Dinge zu korrigieren. Eine Dame stand auf, und verließ keifend den Raum. („Träumen Sie weiter, Junger Mann.“ – Wovon? Keine Ahnung.) Auf jeden Fall gab es nun genügend Wortmeldungen und Leute, die sich kaum vor Ereiferung zurückhalten konnten. Im Anschluss an die Diskussion kamen noch einige Herrschaften auf mich zu, um mir ihre Variante der Geschichte zu erzählen und mir „Denkanstöße“ zu geben. Also; Im Großen und Ganzen kann ich resümieren: Arbeitshypothese bestätigt. Alte Menschen wollen mir durch ihre Erzählungen ihre Meinung reindrücken. Nichts desto trotz. Die Arbeitshypothese entsprach nicht völlig meiner persönlichen Position. Was eine Dame später in einem Gespräch auch noch einmal auf den Punkt brachte. Auch die Erzählung meiner Familie haben mich geprägt und mir überhaupt erst Geschichte als sinnstiftend vermittelt. Erzählen und zuhören ist wichtig. Solange ich mir nicht alles anhören muss.

 Samuel Raz