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Radtour von Prag nach Münster und Katholikentag

Eine deutsch-tschechische Suche nach dem Frieden

„Suche Frieden und jage ihm nach!“, heißt es im Psalm 34. Unter diesem Motto stand auch der 101. Deutsche Katholikentag, der vom 9. Bis 13. Mai im westfälischen Münster stattfand. Wenn man eine Suche nach dem Frieden in Prag beginnt, kann ein mögliches Ziel eben Münster sein. Denn beide Städte sind durch den Dreißigjährigen Krieg verbunden, der in Prag begonnen und in Münster beendet wurde. Dieses Zusammenhangs bewusst machte sich im Vorfeld des deutschen Katholikentags eine kleine Pilgergruppe junger Menschen aus Deutschland, Tschechien und der Slowakei auf den Weg mit dem Rad von Prag nach Münster. Organisiert wurde das Projekt von der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde e.V. Entlang der Strecke besuchten die Radler Orte der Gewalt, die heute zum Frieden mahnen und symbolische Orte des Friedens, von denen wichtige Impulse der Friedensbewegung ausgingen. Dabei suchten die jungen Leute das Gespräch mit Personen des öffentlichen Lebens und Menschen, denen sie auf dem Weg begegnet sind – die Fragen waren immer die gleichen: Wo bzw. wie suchen Sie Frieden? Wo kann die Gesellschaft Frieden finden?

In Prag standen drei wichtige Stationen zum Auftakt der Tour [cyklopout] auf dem Programm: die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, wo im September 1989 mehrere Tausend Flüchtlinge aus der DDR den Weg nach Westdeutschland gesucht haben, die Prager Burg als Ort des Prager Fenstersturzes und das Kloster am Weißen Berg, wo 1620 die erste große Schlacht im Dreißigjährigen Krieg ausgefochten wurde. Heute ist das Kloster ein Ort, an dem die Ökumene gefördert wird, was als gelungenes Beispiel für eine Entwicklung zum Frieden gesehen werden kann. In einer Andacht vor Ort segnete Erzabt Prokop vom Kloster Břevnov die Radfahrer, sodass sie sich bestärkt auf die erste Etappe nach Lidice machen konnten. In der Gedenkstätte Lidice wurde die Gruppe von Dan Kolař, dessen Großmutter die Tragödie von 1942 überlebte, begrüßt. Im persönlichen Gespräch mit ihm wurde deutlich, wie schwierig es ist, mit solch schreckliche Ereignisse zurecht zu kommen und welche Bedeutung dementsprechend eine gute Aufarbeitung durch Gedenkstätten und Bildung im Allgemeinen hat. Dieser Eindruck bestätigte sich auch in Terezín, wo sich die Radler angesichts der unvorstellbaren Verbrechen sprach- und fassungslos zeigten. Über Leitmeritz führte der Weg weiter nach Ustí nad Labem, wo Dr. Petr Koura die Gruppe willkommen hieß und über die Erinnerungsarbeit in Zusammenhang mit dem Massaker von Aussig sprach. An der Elbe entlang führte der Weg durch den deutsch-tschechischen Nationalpark des Elbsandsteingebirges nach Dresden. Dort erwartete die Radler ein Gespräch mit Frank Richter, dem Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche. Richter betonte, dass Dialog und argumentative Auseinandersetzung die Basis für eine gute Friedensarbeit sind – ein Gedanke, den sich die Radfahrer zu Herzen nahmen, wenn sie sich unterwegs auch innerhalb der Gruppe über verschiedene gesellschaftliche und kirchliche Themen austauschten.

Von Dresden ging es für die Pilgergruppe weiter nach Leipzig, wo die Idee des Projekts beim 100. Deutschen Katholikentag vor zwei Jahren entstand. Neben einem Besuch des Rathauses war ein Gespräch mit Bernhard Stief, dem Pfarrer der Nikolaikirche geplant. Die Nikolaikirche war Ende der Achtziger Jahre ein zentraler Ort der friedlichen Proteste gegen das DDR-Regime und ist auch heute noch Treffpunkt für das montägliche Friedensgebet. Aus der friedlichen Revolution entwickelten sich nach der Wende Gruppierungen und Vereine, die seither aktiv Friedensarbeit betreiben, wie beispielsweise der Friedenskreis Halle e.V. den die Radler als nächste Station besuchten. Im Gespräch mit Christof Starke wurde deutlich, dass Frieden unbedingt auch einen globalen Aspekt hat. Ohne globale Gerechtigkeit ist ein dauerhafter Frieden schwer vorstellbar. Von Halle führte die Strecke der Radler über Lutherstadt Eisleben und Quedlinburg am Rand des Harz entlang über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze bei Wernigerode, die heute kaum noch wahrnehmbar ist, bis nach Höxter. Dort wurden die Pilger in der Pfarrei St. Nikolai gastfreundlichen aufgenommen und konnten auch den Sonntagsgottesdienst mitgestalten und bereichern. Gestärkt von der herzlichen Atmosphäre in Höxter machte sich die Gruppe über Detmold, wo Dr. Michael Zelle anhand des Hermannsdenkmals auf die Gefahren der Instrumentalisierung von Geschichte hinwies, auf die letzte Teilstrecke nach Münster. Erschöpft aber glücklich kamen die Radler nach zehn langen Tagen und 860 gefahrenen Kilometern vor dem Rathaus in Münster an, in dem vor 370 Jahren die Friedensverhandlungen nach dem Dreißigjährigen Krieg geführt wurden und setzten so ihrer Suche nach dem Frieden einen angemessenen Schlusspunkt.

Während des Katholikentags in Münster stellten die Radler ihr Projekt am Domplatz vor und kamen auch vor Ort mit Katholiken aus Deutschland und der ganzen Welt ins Gespräch über die Suche nach dem Frieden. Die Antworten auf die gestellten Fragen waren wie erwartet sehr unterschiedlich: manche finden Frieden in der Natur oder in der Familie, im Lächeln eines Kindes oder beim Gebet. Für andere beginnt die Suche nach dem Frieden durch gegenseitiges Zuhören und Dialog auf Augenhöhe. Treffend formulierte es auch Msgr. Anton Otte, der festhielt: „Frieden finden wir, wenn Feinde zu Freunden werden, wenn Menschen aufeinander zugehen.“

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie unter: www.prag-muenster.de

                                                                                                                              Matthias Melcher