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Interview

Sänger Petr Linhart

„Ich gehöre dorthin und weiß nicht warum“

Der tschechische Sänger Petr Linhart über sein neues Album, seine persönliche Bindung zu Maria Stock und eine Zukunftsvision für das Sudentenland

JA: Herr Linhart, ihr jüngstes Album trägt den Titel „Sudéta“ (Sudetenland). Was bewegt Sie, ein Album zu verfassen, das sich alleine dieser Region widmen? Was fasziniert Sie an dieser Region so besonders?

Auch ich war selber davon überrascht, welche eigene kompromisslose Entwicklung dieses Album nahm. Von einem ersten Ausflug aus Skoky/Maria Stock kam ich sehr ergriffen zurück und habe das Lied „Maria Stock“ geschrieben. Danach kamen mir schrittweise weitere Gedanken, meist Erlebnisse von Reisen oder aus der Literatur. Meine Großmutter war Sudetendeutsche aus Rumburg/Rumburk, in den Ferien bin ich immer ins Isergebirge gereist und dank meiner Musikgruppe Járy Ježka Čp. 8" verbindet mich viel mit der Gegend um Karlsbad/Karlovy Vary. Ich stehe dem Sudetenland wirklich sehr nahe, auch wenn mir das davor lange Zeit nie bewusst war. Das Sudentenland ist für mich auch ein Gebiet zum Suchen und Wiederfinden. Und dieses Suchen und Wiederfinden habe ich sehr gerne, von meiner Natur her bin ich ein Sammler von Erlebnissen und den damit verbundenen Orten.

JA: Das Lied „Maria Stock“ auf Ihrem Album klingt sehr melancholisch. Wie haben Sie diesen Ort für sich entdeckt und was verbinden Sie mit ihm?

Maria Stock gehört zu den Punkten auf der Landkarte, die ein Mensch jahrelang mit dem Finger umkreist und nur darauf wartet, dass ihn dieser Ort ruft. Erst vor einigen Jahren bin ich dorthin aufgebrochen. Es war Winter und der Besuch wurde für mich zu einem außergewöhnlichen Erlebnis. Diese erste Begegnung mit der herrlichen Kirche mitten in der leeren Landschaft zog mich wohl auf ewig in den Bann zu Maria Stock. Ich gehöre dorthin und weiß nicht warum.

JA: Ihr Konzert in der Kirche von Maria Stock am 10. August 2007 war für alle Zuhörer ein Erlebnis. Was wünschen Sie Maria Stock?

Ich wünsche Maria Stock, dass dorthin das Leben zurückkehrt. Ich meine damit nicht, dass gleich das ganze Dorf erneuert werden muss, aber zwei oder drei ganzjährig bewohnbare Häuser würden diesem Ort ein gewisses Maß an Sicherheit und ein Umfeld zurückgeben.

JA: Sie sprechen genau den wunden Punkt an, die Kirche zerfällt aus finanziellen Gründen von Jahr zu Jahr mehr, wie andere Kultugüter des Sudentenlands auch. Was denken Sie, wie wird die Kirche in Maria Stock zum Beispiel im Jahr 2045 aussehen, hundert Jahre nach der Vertreibung?

Maria Stock ist ein Ort, der munter wird. Ich glaube fest daran, dass der Zustand der Kirche im Jahr 2045 weit erfreulicher ist als der heutige und Maria Stock weiterhin ein Ort der Begegnung und der stillen Meditation bleiben wird. Natürlich reicht glauben allein nicht aus, sondern es ist auch notwendig, zu handeln.

JA: Während dem Festival „Lichtzeichen“ kamen zu uns auch viele tschechischen Bewohner der Umgebung und haben sich für unsere Hilfe bedankt. Ein Priester aus Prag sprach sogar davon, dass auf dem Sudentenland seit 1945 fast so etwas wie ein „Fluch“ lastet, weil ständig Kirchen ausgeraubt und Kulturdenkmäler beschädigt werden. Sehen Sie das auch so?

Ja, diese Gegend gehört zu den in der Nachkriegszeit am schlimmsten heimgesuchtesten Gebieten. Das Sudentenland wurde ausgesiedelt, dann aber mit Leuten besiedelt, die nicht fähig waren, zielstrebig mit dem Reichtum zu wirtschaften, der ihnen praktisch in den Schoß gefallen ist. Es waren viele Asoziale dabei oder Leute, denen die kommunistische Propaganda den Kopf verdreht hat. Die meisten hatten zu Gott keine Beziehung. Und ich denke, diese Leute sahen nicht einmal gerne auf ihre eigene Vergangenheit zurück. Sicherlich trafen die oben erwähnten Gegebenheiten nicht auf alle neuen Bewohner zu, aber das hat ausgereicht, um dem Sudentenland mehr oder weniger den Lebensatem und den alten Glanz zu nehmen. Es brach eine Epoche der Verwahrlosung an, eine Epoche der kommunistischen Willkür und des Hasses gegenüber allem alten. Hier konnten sich die Kommunisten erlauben ohne Einschränkung zu zerstören, hier nahm niemand davon Notiz.

JA: Und die Auswirkung sind auch 18 Jahre nach dem Ende des Kommunismus noch spürbar?

Ja, das Relikt dieser Dunkelheit sind bis heute verwahrloste Dörfer mit aufgelösten Dorfplätzen und halbzerfallenen Kirchen, in denen auch die Wohnsiedlungen der Sechziger Jahre bereits mehr und mehr herunter kommen, bewohnt in der Regel ohnehin von arbeitsloser oder nicht arbeitsfähiger Bevölkerung ohne Bildung und Hoffnung auf Änderungen. Diese Zustände bergen hierzulande einen tickenden sozialen Sprengstoff.

JA: Was muss passieren, damit die einheimische Bevölkerung beginnt zu begreifen, welch reiche Kulturgüter sie um sich herum hat?

Trotz allem bin ich bis zu einem gewissen Maß optimistisch. Eine Erneuerung der Kulturgüter geht langsam in den Gegenden von Tetschen/Děčín, Rumburg/Rumberk und Reichenberg/Liberec voran und wird auch hoffentlich hier in und um Maria Stock bald Einzug halten. Es werden weiterhin Leute aus den Städten kommen, die hier ihr Sommerhaus haben wollen, einige bleiben vielleicht für länger Zeit, sofern es ihre Arbeitsbedingungen erlauben. Es müssen auf kurz oder lang Leute kommen, die Schlösser und Kirchen zum Leben irgendwie brauchen. Schon jetzt existiert in der Gegend von Maria Stock eine Reihe von bürgerlichen Vereinigungen, die sich um die einzelnen Kulturdenkmäler kümmern. Eine große Rolle spielen dabei aber gerade die Leute aus den Städten, die hierher zur Erholung reisen. Es muss sich natürlich auch die politische Kultur ändern, wenngleich das sicher nicht von einem Tag auf den anderen geht. Vielmehr lege ich eine gewisse Hoffnung auf den Austausch der Generationen. Der Staat, unterwandert von Lobbyistengruppen, wird nie genug Geld haben um gesundheitliche oder soziale Programme tragen zu können – und damit schon gleich gar nicht Mittel für Renovierungen von Kulturdenkmälern. Und auch die Kirche kann ohne den Empfang von Eigentum mit dem historischen Reichtum nicht gut wirtschaften.

JA: Herr Linhart, herzlichen Dank für das Gespräch!