Reportage

Ein Hauch des alten Glanzes verloren gegangener Tage

Deutsch-tschechisches Jugendprojekt „Licht-Zeichen“ in Maria Stock

Zwei farbige Scheinwerfer strahlen auf einen leeren goldenen Sternenkranz in der Mitte über dem Hochaltar der barocken Basilika. Jedem der Gottesdienstbesucher am lauen Sommerabend des 11. August 2007 im westböhmischen Maria Stock (tschechisch: Skoky) ist sofort klar, das hier etwas fehlt. An jener Stelle hing einst das berühmte Gnadenbild der „Stocker Maria“, die auf das Jesuskind in ihrem Arm zeigt. Diese Darstellung, der in den letzten drei Jahrhunderten mehrere Wunderheilungen angerechnet wurden (siehe Artikel zur Geschichte des Ortes), zog noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts jährlich 18 000 bis 20 000 Pilger in den bekannten Wallfahrtsort in der Nähe von Karlsbad im Egerland.

Musikgruppe Picola Band aus Záb?eh(CZ)

Nun, an jenem Augusttag dieses Jahres ist die Kirche zwar genauso gut gefüllt wie an einem der zahlreichen Wallfahrtsgottesdienste vor Jahrzehnten, aber in gewisser Weise doch leer: Stück für Stück ausgeraubt seit der Wende von 1989, heute dem Verfall Preis gegeben. Das Gnadenbild der „Stocker Maria“ konnte zwar noch ins nahe gelegene Kloster Tepl gerettet werden, viele andere Kunstgegenstände aber nicht mehr. Das Bistum Pilsen sah sich im Mai 2005 gezwungen die Eingänge zumauern zu lassen, was die „Verlegung“ der Wallfahrt vor die Kirche und damit den Bruch in einer 300 Jahre alten Tradition in Maria Stock besiegelte.

Es gehört nun zur Ironie der Geschichte, dass gerade 40 junge Tschechen und Deutsche all diesen widrigen Umständen trotzen und es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Mauern wieder aufzubrechen – und zwar nicht nur symbolisch. Mit Hammer und Meißel begannen Sie am Montag, den 6. August das zugemauerte Eingangsportal wieder aufzuschlagen und der Basilika in der kommenden Woche mit harter Arbeit einen Stück ihres alten Glanzes aus vergangenen Tagen zurückzugeben. So weit das natürlich in ihrer Macht stand. „Als wir am Montag mit dem Aufräumen rund um die Kirche angefangen haben, hatten wir alle ein Ziel vor Augen: Der Festgottesdienst am Samstagabend mit dem Pilsner Generalvikar Robert Falkenauer, erzählt die Würzburger Studentin Stefanie Fuß von der Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde, die in Zusammenarbeit mit dem mährischen Jugendverband Rytmika Šumperk das einwöchige deutsch-tschechische Zeltlager mit dem daran anschließenden christlichen Festival organisierte. „Uns war natürlich auch klar, dass wir nicht alles schaffen können, was wir uns vorgenommen haben“, ergänzt ihre tschechische Freundin Veronika Pátková. „Aber am Ende der Woche waren wir dann doch sehr überrascht, was wir alles erreicht haben.“

In der Tat, die Jugendlichen hatten keine Mühen gescheut, die Würde eines herunter gekommenen Gotteshauses wieder herzustellen. Fleißig wurde bei wechselnden Witterungsbedingungen das Unkraut aus den Stiegen des Hauptportals entfernt oder das Gestrüpp am verwucherten Friedhof geschnitten. Für die Gestaltung des nahezu leer geräumten Innenraumes wurden gar zwei professionelle Künstler angeheuert, um die Wände mit Fahnen zu bemalen oder aus den zerstörten Holzlatten der beiden Türme eine kleine Kapelle zu bauen, wo jetzt eine Kopie des Gnadenbildes hängt.

Gasthaus

„Als ich beim Rasenmähen um die Kirche in der Arbeit versunken war, schweiften meine Gedanken hundert Jahre zurück und ich habe mir vor meinem inneren Auge vorgestellt, wie dieser Ort wohl damals ausgesehen hat, als noch alle Häuser standen“, erzählt einer der Teilnehmer sichtlich ergriffen von der Nostalgie von Maria Stock, um dann grinsend hinzuzufügen. „Dann wäre ich natürlich am liebsten ins Gasthaus neben der Kirche gegangen und hätte mir ein Bier bestellt.“ Bier getrunken wurde dann natürlich auch in der realen Welt bei den Abenden am Lagerfeuer.

Sänger Petr Linhart

Nun, nach fünf Tagen harter Abend sitzen sie alle in den ersten Reihen der geputzten Basilika und staunen dem Farbenspiel an den Wänden und am Altar, während die Musikgruppe mit neuen geistlichen Liedern eine einzigartige Atmosphäre erzeugt. Ein Veranstaltungstechniker verwandelt die Basilika mit mehrfarbigen Scheinwerfern und einer modernen Soundanlage zu einem Gottesdienst für alle Sinne, der den Besucher immer wieder in eine andere Gedankenwelt entführt. Am Abend zuvor hatte vor derselben Kulisse bereits ein anderer seinen Auftritt in der „neu“ gestalteten Kirche:

Dr. Robert Falkenauer (Pilsen)

Der bekannte Prager Liedermacher Petr Linhart gab ein Benefizkonzert für den Erhalt des Gotteshauses (siehe Interview), was für Veronika Pátková ein Teil der Strategie ist, die umliegende Bevölkerung für den Erhalt von Maria Stock zu gewinnen: „Wir wollten hier neben dem Gottesdienst auch bewusst ein Angebot für die Bewohner der umliegenden Ortschaften schaffen. Maria Stock ist ja auch mehr als ein Wallfahrtsort.“ Nach einer weiteren Nacht am Lagerfeuer mit teils unerwarteten Gästen geht dann am Sonntag ein ganz besonderes Zeltlager deutscher und tschechischer Jugendlicher zu Ende. Im August 2008 werden Sie wieder kommen – dann zu zwölften Mal seit 1996.

Lagerfeuer

Kontaktmöglichkeiten zur Jungen Aktion der Ackermann-Gemeinde und Rytmika Šumperk finden sich im Internet: www.junge-aktion.de und www.rytmika.cz
Dort gibt es auch weitere Informationen und Bilder zu diesem Projekt.

                                                 Sebastian Kraft